Internet-Überwachung Nur eine Firma bestreitet, dem britischen Geheimdienst zu helfen

Die SZ hat nun alle Unternehmen angeschrieben und sie mit den internen Papieren des britischen Geheimdienstes konfrontiert. Lediglich Viatel bestreitet, dem GCHQ "Zugang zu unserer Infrastruktur oder zu Kundendaten" verschafft zu haben. Das Unternehmen Interoute, das weltweit 60.000 Kilometer Glasfasernetz besitzt, antwortete: "Wie alle Telekommunikations-Anbieter in Europa sind wir verpflichtet, die europäischen und nationalen Rechte einschließlich solcher zu Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung zu erfüllen. Von Zeit zu Zeit erhalten wir Anfragen von Behörden, die durch unsere Rechts- und Sicherheitsabteilungen geprüft und wenn sie rechtlich einwandfrei sind, entsprechend bearbeitet werden."

Nach allem, was bislang bekannt ist, wären durch die Kooperation der Unternehmen mit dem GCHQ auch wichtige Knotenpunkte des deutschen Internet-Verkehrs theoretisch zugänglich für ausländische Geheimdienste. Marktführer Level-3 betreibt beispielsweise in Deutschland nach eigenen Angaben fünf Datencenter in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main und München. Wie vier weitere der betroffenen Unternehmen ist auch Level-3 Kunde am Frankfurter Internetknotenpunkt De-Cix.

Die Betreiber bestritten bislang, ausländischen Nachrichtendiensten Zugriff zu dem Knotenpunkt verschafft zu haben. Für GCHQ und die NSA würde es aber fast aufs Gleiche hinauslaufen, wenn eine Firma, die an dem Knoten angeschlossen ist, Daten ableitet und an sie weitergibt. So ließe sich auch erklären, warum die Bundesrepublik auf einer Landkarte der NSA als einziges europäisches Land gelb eingefärbt ist - als Indikator für besonders intensive Überwachung. Pro Monat sollen 500 Millionen Datensätze aus Deutschland beim US-Geheimdienst einlaufen.

Level-3 teilte am Donnerstag mit, "keiner fremden Regierung" den Zugang zu ihrem Telekommunikationsnetz oder ihren Einrichtungen in Deutschland gestattet zu haben. Ob Level-3, das 2011 Global Crossing aufgekauft hat, dem britischen Geheimdienst etwa auf britischem Boden Zugang verschafft hat, ließ das Unternehmen zunächst offen.

Die Zusammenarbeit zwischen amerikanischen und britischen Diensten ist altbewährt. Sie bauten zusammen mit Neuseeländern, Australiern und Kanadiern einen Ring an Satellitenabhöranlagen rund um den Globus auf: das sogenannte Projekt Echelon. Damals konnten sie vieles abhören, aber nicht alles.

Nun scheint eine neue Stufe erreicht zu sein. Aus der gemeinsamen Überwachung ist die totale Überwachung geworden. Und das GCHQ ist laut Snowden noch viel "schlimmer" als die NSA. Manches Detail in der Power-Point-Präsentation gibt Rätsel auf. So findet sich etwa die Formulierung, die Arbeit des britischen Geheimdienstes diene dem Wohl der britischen Wirtschaft. Meint das Wirtschaftsspionage? Das wäre unschön.

Klar ist: Solche Präsentationen sind auch PR-Instrumente. Die Software XKeyscore, so schwärmt die NSA in einer jüngst ebenfalls öffentlich gewordenen Präsentation, sei das bisher "weitreichendste" Spionagesystem der US-Regierung. In Echtzeit könne man beobachten, was eine Zielperson tippt. Über eine Zusatzfunktion namens "DNI Presenter" könne man auf sämtliche Facebook-Chat-Inhalte einer Person zugreifen. Auch könne rückwirkend überprüft werden, was jemand im Internet gesucht hat. Alles sei möglich. Und das fast überall.

Unter dem Titel "Wo ist XKeyscore?" ist eine Weltkarte mit vielen roten Punkten zu sehen. An 150 Orten weltweit wird das Programm demnach genutzt. Etwa in Brasilien, in Somalia - oder eben in Deutschland. Der Bundesnachrichtendienst arbeitet offenbar mit XKeyscore, soviel ist bekannt. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz setzt es nach eigenen Angaben "testweise" ein. Das ist die nette Erklärung für den roten Punkt in Deutschland.

Die weniger nette Version: Die NSA und ihre Verbündeten von der Insel spähen die Bundesrepublik und ihre Bürger im großen Stil aus.

Anmerkung der Redaktion: Die aus 32 Folien bestehende Präsentation der NSA zur XKeyscore-Spionagesoftware können Sie hier einsehen.