Internet-Überwachung Snowden enthüllt Namen der spähenden Telekomfirmen

Teils eifrig, teils widerwillig: Einige Firmen unterstützen den britischen Nachrichtendienst GCHQ beim Spionieren (Symbolbild).

(Foto: picture alliance / dpa)

Bislang geheime Powerpoint-Folien, die der SZ vorliegen, zeigen, was der britische Geheimdienst GCHQ alles kann: Installation von Trojanern, Desinformation, Angriffe auf Netzwerke. Vor allem offenbaren sie, wie der Dienst jegliches Gefühl für Verhältnismäßigkeit verloren hat - und welche privaten Internetanbieter beim Ausspähen behilflich sind. Es ist die Crème de la Crème der Branche, mit Macht über große Teile der weltweiten Internetstruktur.

Von John Goetz und Frederik Obermaier

Die Präsentation, das wird schnell klar, soll zeigen, was der Geheimdienst alles drauf hat: Angriffe auf Netzwerke etwa, gezielte Desinformation, das Installieren von Trojanersoftware. Das volle Programm eines Nachrichtendienstes eben. Das britische Government Communications Headquarters (GCHQ) kann alles, zumindest präsentiert sich der Geheimdienst so in jenen Powerpoint-Folien, an die der Whistleblower Edward Snowden gelangt ist. Die Süddeutsche Zeitung und der NDR bekamen jetzt Einblick in die Dokumente.

Seite für Seite offenbaren sie das Selbstverständnis eines Dienstes, der jegliches Gefühl für Verhältnismäßigkeit verloren hat, dem Digital-Wahn verfallen ist und mit seinem amerikanischen Partner, der National Security Agency (NSA), weltweit Millionen Menschen abhört und ausspäht. Vor allem aber liefert die Präsentation das, was Snowden zu Beginn seiner Enthüllungen die "Kronjuwelen" nannte: die Namen jener Telekomfirmen, die den geheimen Diensten beim Ausspähen helfen oder helfen müssen.

In den internen Papieren des GCHQ aus dem Jahr 2009 stehen sie nun aufgelistet: Verizon Business, Codename: Dacron, British Telecommunications ("Remedy"), Vodafone Cable ("Gerontic"), Global Crossing ("Pinnage"), Level 3 ("Little"), Viatel ("Vitreous") und Interoute ("Streetcar").

Manche Firmen entwickelten eigene Späh-Software

Es ist die Crème de la Crème jener Firmen, die große Teile der weltweiten Internet-Infrastruktur beherrschen. Sie besitzen Unterseekabel, ihnen gehören sogenannte Backbone-Netze - die das Rückgrat des Internets sind - und sie unterhalten riesige Rechenzentren. Mit ihrer (manchmal unfreiwilligen) Hilfe steht den Spähern vom Dienst das gesamte Internet offen. Ein Programm der GCHQ heißt "Mastering the Internet" und das ist kein leerer Slogan: Das Internet beherrschen sie.

Einige Firmen, so legen es die GCHQ-Dokumente nahe, entwickelten eigens eine Software zum Ausspähen und wurden dafür vom GCHQ entlohnt. Sie ließen sich also dafür bezahlen, dass sie ihre eigenen Kunden ausspionierten. Alle geben sich unschuldig und sind verschwiegen. British Telecommunications (BT) beispielsweise will auf Anfrage nicht Stellung nehmen. Ähnlich hatte das Unternehmen schon vor fünf Wochen reagiert, als erstmals bekannt wurde, dass BT für die Spione Ihrer Majestät Daten vom Überseekabel TAT-14 abzapft, das Deutschland mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Amerika verbindet. Die interne GCHQ-Präsentation zeigt nun: Private Telekommunikationsanbieter sind deutlich stärker in die Abhöraktionen ausländischer Geheimdienste verwickelt als bislang angenommen.

Jede der sieben Firmen ist demnach für das Abhören eines eigenen Teils des weltweiten Glasfasernetzes verantwortlich. Da sind Ulysses 1 und Ulysses 2, mit einem Namen, den die Welt vorher nur aus der großen Literatur kannte. Die beiden Glasfaserkabel verbinden das französische Calais mit Dover sowie Ijmuiden in den Niederlanden mit Lowestoft in Großbritannien. Betreiber ist Verizon Business. Die Firma teilt mit: "Die Gesetze eines jeden Landes, auch in Großbritannien und Deutschland, erlauben den Regierungen, ein Unternehmen unter bestimmten Umständen zur Herausgabe von Informationen zu verpflichten." Soll wohl heißen: Wenn britische Gerichte es anordnen, muss Verizon die Geheimen an die Daten seiner Kunden lassen.

Bereits Anfang Juni war bekannt geworden, dass Verizon vom amerikanischen Geheimgericht Foreign Intelligence Surveillance Court gezwungen wurde, dem US-Geheimdienst National Security Agency "eine elektronische Kopie" sämtlicher Verbindungsdaten zu übergeben. Auffällig war schon damals: Die Court-Order hatte die laufende Nummer 13-80, war also womöglich schon die Order an das 80. Unternehmen allein im Jahr 2013.