Hasskommentare Wie ein Facebook-Nutzer gegen Rassismus kämpfte - und gesperrt wurde

Kommentare wie diese hat Jan gemeldet. Für Facebook ist das keine "glaubwürdige körperliche Bedrohung", deshalb bleibt er stehen.

(Foto: Screenshot Facebook.com)

Ein Jahr argumentierte er mit Fakten gegen Vorurteile - so wie Facebook es sich eigentlich wünscht. Warum er gesperrt wurde, verrät ihm das Unternehmen nicht.

Von Simon Hurtz

Als Jan eines Abends seinen Facebook-Account öffnen wollte, fand er sich an seinem Laptop in einen hilflosen Nutzer verwandelt. Jans Geschichte mutet kafkaesk an. Seit fast einem Jahr kommentiert er regelmäßig unter rassistischen Facebook-Beiträgen und versucht die Absender zu überzeugen, dass Deutschland nicht in einer Flüchtlingswelle untergeht.

Damit betreibt Jan, der eigentlich anders heißt, genau jene "Gegenrede", die sich Facebook höchstoffiziell von seinen Nutzern wünscht. Erst Anfang Januar war Facebooks Managerin Sheryl Sandberg dafür nach Berlin gekommen, von April an folgt die "Counter Speech Tour" durch ganz Deutschland.

Eigentlich müsste Facebook Jan dankbar sein - oder ihm zumindest das Leben nicht unnötig schwer machen. Aber stattdessen hat ihn das Netzwerk Anfang Februar ausgesperrt. Einloggen konnte er sich noch, durfte aber nicht mehr aktiv werden: keine Likes verteilen, keine Kommentare schreiben, keine Nachrichten beantworten. Der Fall zeigt, warum die Hatespeech-Debatte ein Problem für Facebook ist: Engagierte Nutzer wenden sich frustriert ab, weil sie sich alleingelassen fühlen.

Furcht vor Nazis, die Adressen ihrer Gegner veröffentlichen

In Kafkas "Der Prozess" wird die Hauptfigur Josef K. verhaftet, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. Vergeblich versucht er herauszufinden, was man ihm vorwirft, doch in der bürokratischen Mühle der Justiz findet er keinen Ansprechpartner. Jan ergeht es ähnlich. "Nach dem Login habe ich eine Nachricht bekommen, dass einer meiner Beiträge gegen Facebooks Gemeinschaftsstandards verstoße. Ich hatte keine Ahnung, was genau gemeint war und konnte nur noch auf 'Weiter' klicken. Auf der nächsten Seite habe ich erfahren, dass ich für 30 Tage blockiert werden soll."

Weitere Informationen erhielt er von Facebook nicht. Bis heute rätselt er, was er falsch gemacht haben könnte. Auch Journalisten erfahren nicht mehr, offiziell will sich das Unternehmen nicht zu Einzelfällen äußern.

Nein zu Brüsten, ja zu Rassismus

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Die Sperre galt für Jans privaten Account und für seine Facebook-Seite, die "Vereinte Demonstrations Dienstleistungewerkschaft" (VDD). Die hat er erstellt, um sich zu schützen: So musste er seinen echten Namen nicht preisgeben und konnte trotzdem versuchen, gegen Vorurteile zu argumentieren. "Es gibt Nazis, die Adressen aus der linken und antirassistischen Szene sammeln und sie im Internet veröffentlichen", sagt Jan, der auch in diesem Text anonym bleiben will. "Ich arbeite in einer Einrichtung für Geflüchtete, die will ich da nicht mit reinziehen. Deshalb mache ich das über die Seite und nicht mit meinem privaten Account."

"Das konnte ich einfach nicht unwidersprochen stehen lassen"

Jan fühlt sich verpflichtet, zu handeln: "Soziale Medien heizen die Fremdenfeindlichkeit an. Was ich da teilweise gelesen habe, konnte ich einfach nicht unwidersprochen stehen lassen." Er ist links und das merkt man. Mit seiner "VDD" wolle er zwei Dinge erreichen: "Die Linken informieren, gegen die Rechten argumentieren." Auf der Seite selbst teilt er die antifaschistische Trikotwerbung des FC St. Pauli, ruft zum Protest gegen Massenabschiebungen auf und macht sich über rechte Kommentatoren mit einer Vorliebe für den exzessiven Gebrauch von Ausrufezeichen lustig.

Wichtiger ist ihm, was er auf anderen Seiten tut. Monatelang kommentierte Jan auf den Facebook-Auftritten der Dresdner und Leipziger Ausgaben der Tageszeitung Mopo. Er sagt: "Da wird so gut wie überhaupt nicht moderiert. Auch Kommentare, die offen zum 'Vergasen' auffordern, blieben oft tagelang stehen." Etliche Mails habe er an die Redaktion geschrieben und mehrfach angerufen, bis er schließlich mit einem Verantwortlichen sprechen konnte. "Der hat den einen, besonders krassen Kommentar, um den es damals ging, auch sofort gelöscht. Aber letztendlich ist er überfordert. Es fehlt gar nicht mal an gutem Willen, sondern an der Zeit, sich richtig darum zu kümmern."

39 gemeldete Kommentare, einer wurde gelöscht

Jans Konsequenz: Wenn die Seitenbetreiber nicht reagieren, dann doch hoffentlich Facebook selbst - eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt, das im vergangenen Jahr rund 18 Milliarden Dollar umsetzte, sollte in der Lage sein, seine Plattform frei von Rassismus und Gewaltandrohungen zu halten. "In den zwei Wochen vor meiner Sperre habe ich 39 Kommentare gemeldet", sagt Jan. Er habe mit einer Anwältin gesprochen, die ihm versichert habe, dass einige davon eindeutig volksverhetzend gewesen seien. "Facebook hat zwar immer reagiert, aber 38-mal hieß es, dass der Beitrag nicht gegen die Gemeinschaftsstandards verstoße. Nur ein einziger wurde gelöscht."

Facebook legt seine Gemeinschaftsstandards großzügiger aus, als ein Teil der Mitglieder das gerne hätte. In den Standards heißt es, das Netzwerk dulde "keine Form von Mobbing und Belästigung" und entferne Inhalte, "mit denen absichtlich Privatpersonen getroffen werden sollen, um diese herabzuwürdigen oder zu beschämen". Kommentatoren haben Jan etwa als "Arschloch", "Kackfratze" oder "ungebildetes Dreckspack" bezeichnet. Facebook stuft die Äußerungen nicht als Belästigung ein.