Facebook-Geschichte als Mythos Aber Zuck! Zuck könnte es schaffen!

Jungen-Genie, Kapuzenpulli-Visionär, überprogrammierter Roboter: Die öffentliche Aufmerksamkeit hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg längst vom Menschen zu einer Kunstfigur gemacht. Er und seine Firma dienen als Projektionsfläche für den Mythos des Silicon Valley und des amerikanischen Kapitalismus.

Ein Mashup von Johannes Kuhn

Tausende Autoren haben sich bereits mit Mark Zuckerberg und der Geschichte Facebooks auseinandergesetzt, ob sie den Jungunternehmer jemals persönlich trafen, oder ihn nur aus der Ferne kennen. Der 28-Jährige und sein Unternehmen sind längst eine gigantische Projektionsfläche für symbolträchtige und teilweise auch klischeebeladene Analysen. Weil sich diese Texte wechselseitig beeinflussen, finden sich im Gesamtbild ständig wiederkehrende Motive, die uns aber nicht unbedingt schlauer machen.

Diese Collage aus Artikeln über Facebook und seinen Gründer soll kein Porträt sein, sondern entstandene Projektionsfläche deutlich machen und Raum für die Auseinandersetzung mit ihr geben. Kein Satz ist neu, einzig die Zwischenüberschriften wurden zur besseren Lesbarkeit eingefügt. Die Originaltexte finden Sie, wenn Sie auf den jeweiligen Satz klicken.

In der Info-Spalte seiner Facebook-Seite schreibt Mark Zuckerberg nur: "Ich will die Welt zu einem offeneren Ort machen." Die Welt, so scheint es, springt auf die Idee an. "Der Typ ist unerbittlich", sagt ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter. "Wenn er es beim ersten Mal nicht schaffft, versucht er es immer wieder."

Der Junge im Kapuzenpullover hat es geschafft. Er, der schon mit Anfang 20 milliardenschwere Kaufangebote ausschlug und sich ungern in die Karten schauen lässt. 100 Milliarden Dollar - für eine Firma, die vor acht Jahren noch nicht einmal existierte. Wer hätte gedacht, dass ein Kapuzenpulli einmal so viel bedeuten könnte?

Mark Zuckerberg gehört zu der letzten Generation der Menschheit, die sich an ein Leben vor dem Internet erinnern werden, wenn auch nur dunkel. Er wurde 1984 geboren und wuchs in Dobbs Ferry, New York auf, als Sohn eines Zahnarztes - der Slogan des "Schmerzlosen Dr. Z." lautet damals wie heute: "Wir kümmern uns um Feiglinge."

Als Marks Vater, der seine Zahnarztpraxis im ersten Stock des Familienhauses betrieb, vom ständigen Treppensteigen erschöpft war, baute der 11-jährige Mark "ein Intranet mit Namen ZuckNet", wie seine Schwester Randi erzählt. Der Ort hat sich kaum verändert, seit Mark Zuckerberg vor zehn Jahren sein Elternhaus verlassen hat - erst für das Internet, dann Richtung Harvard, wo er die weltverändernde Web-Firma gründete, die bald die ganze Familie unergründlich reich machen wird.

Aber Zuck! Zuck konnte es schaffen

Er sei in Harvard als "Angeber" aufgefallen und habe gern mal damit geprahlt, dass er in fünf Minuten in die Hauptdatenbank der Universität einbrechen könne. "Die Mädchen hielten ihn für einen Loser." Aber Zuck! Zuck könnte es schaffen. Zuck war einer von uns und er wusste, was wir wollten. Und Zuck konnte es faster, besser und früher schaffen als die Spießer. Und Mark Zuckerberg schaffte es. Er baute Thefacebook.

Facebook war nicht visionär oder revolutionär im Wortsinn. Das Verdienst von Facebook war, dass Mark und seine Mitstreiter den Bedarf nach einem Verzeichnis von Menschen, nicht von Nutzern erkannten. Es zählt deshalb als Revolution, weil die Art und Weise, wie wir kommunizieren, die Inhalte unserer Kommunikation bestimmen. Ihr wisst schon: "Das Medium ist die Botschaft".

Facebook ging online, als die Quantität und Intensität der menschlichen Einsamkeit gerade dramatisch wuchs, eine Entwicklung, die das Versprechen der Seite, die Menschen besser zu verbinden, außerordentlich attraktiv wirken ließ. Facebook bedient eine utopische Möglichkeit: Was einmal verloren wurde, wird nun gefunden.

Fast jeder ärgert sich gerade über Zuckerberg oder verachtet ihn - auch wenn die meisten weiterhin freiwillig Kunden seiner Schöpfung, Facebook, sind. Facebook ist das Unternehmen, über das im Silicon Valley am meisten geredet wird, und Zuckerberg wird ständig mit Visionären wie Steve Jobs oder Bill Gates verglichen. Sogar einige der legendärsten Figuren der Tech-Branche knien vor ihm nieder.

"Er wurde überprogrammiert"

Zuckerberg geht es nicht in erster Linie um einen schnellen Zahltag, er will mit Facebook die Welt verändern. Er glaubt fest daran, dass die Welt eine bessere ist, wenn die Menschen ihre Identität in einem sozialen Netzwerk offenlegen. Er glaubt nicht, dass er die menschliche Natur verändert, sondern dass er ihr hilft. Erst einmal macht das Netzwerk Überstunden, um noch mehr Daten der Facebooker zu ernten, die es für gezielte Anzeigen verwenden kann.

Freunde und Kollegen glauben, dass Zuckerbergs Ziel ist, für lange Zeit CEO zu sein. Wie ein Programmierer Software schreibt, hat er versucht, die Lücken in seinem persönlichen Code zu schließen. Der Mann im Kapuzenpulli ist das Genie hinter Facebook, möglicherweise aber auch das grösste Hindernis auf Facebooks Weg zum Erfolg. Denn in seine Entscheidungen lässt er sich nicht hineinreden.

Eine Unterhaltung mit Zuckerberg ist anstrengend. Er starrt seine Gesprächspartner an und spricht rasend schnell, als ginge es darum, möglichst effizient Daten auszutauschen. Die Darstellung Zuckerbergs im Film "The Social Network" als ein Bastard mit Symptomen von Autismus war Blödsinn. Aber sie fühlte sich echt an. Eine typische Beschwerde über ihn ist, er sei ein "Roboter". Einer seiner nähesten Freunde erzählte mir: "Er wurde überprogrammiert."

Die Realität ist, Zuckerberg ist nicht entfremdet, und er ist kein Einzelgänger. Er ist das genaue Gegenteil. Er hat sein ganzes Leben in engen, stark vernetzten sozialen Umfeldern verbracht. Tatsächlich ist er einer der am wenigsten ärgerlichen Menschen, den ich jemals getroffen habe. Er ist ausgeglichen, in der Regel optimistisch, wenn er auch zum Schweigen neigt, und äußerst selbstbewusst. Trotz seines Ziels der Offenheit ist Zuckerberg allerdings ein vorsichtiger und auf Privatsphäre bedachter Mensch.

Nimm diesen Füller als Geschenk

Spannung ist spürbar in der digitalen Welt. Der bevorstehende Börsengang von Facebook ist viel mehr als ein Börsengang. Was einmal als College-Plattform für Freundschaften und Bilder begann, ist längst zu einem der ambitioniertesten Projekte in der Geschichte des Internets geworden.

Facebooks Börsengang ist in seiner Form einzigartig - nicht nur aufgrund seiner bisher nicht gekannten Dimension, sondern auch in Hinblick auf die Schwierigkeiten der Prognose des weiteren Geschäftsverlaufs. Es ist ein Wechsel zwischen Euphorie und Hysterie, der selbst hartgesottenen Investment-Profis den Atem verschlägt. Facebook werde dem Aktienhandel den Sauerstoff entziehen, sagt Investment-Analyst David Menlow.

Der Taxifahrer-Indikator deutet auf ein viel zu hohes Interesse privater Anleger hin. Selbst Radiosender, die sonst nur über die Börse nach einem Aktiencrash berichten, fragen sich, ob die Facebook-Aktie ein Kauf sein könnte. Allein dies sollte Warnung genug sein. Viele Skeptiker scheinen das Potenzial von Facebook - genau wie vor acht Jahren beim Börsengang von Google - klar zu unterschätzen. Genauso wie das iPhone nicht verstanden wurde. Heute, Facebook, bist Du eine Aktiengesellschaft. Nimm diesen Füller als Geschenk und mache uns alle stolz.

Auf dem Weg zur Börse in New York, umgeben von anzugtragenden Anwälten, sticht der junge Multimilliardär mit seiner Kapuzenjacke aus der Gruppe heraus. Der Geheimniskrämer, der viele Geheimnisse seiner Fans kennt, muss sich künftig selbst in die Karten sehen lassen.