Theologie Können die Religionen gemeinsam forschen und lehren?

Eine Studentin mit Kopftuch sitzt in der Bibliothek der Universität Osnabrück.

(Foto: picture alliance / dpa)

In Berlin streitet man darüber, wie viel Nähe zwischen Protestanten, Katholiken, Muslimen und Juden an den Universitäten möglich ist.

Von Matthias Drobinski

Der Thierse war's, heißt es, wenn man herumfragt. Wolfgang Thierse, der ehemalige Präsident und Vizepräsident des Bundestages von der SPD und engagierte Katholik - im Verein mit Sawsan Chebli, der SPD-Staatssekretärin für Bundesangelegenheiten in der Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller und engagierten Muslimin. Die beiden hätten sich besonders dafür eingesetzt, dass nun im Koalitionsvertrag von SPD, Linken und Grünen steht, dass die "Präsenz der Theologien" an Berlins Universitäten wichtig sei und deshalb "die bestehenden Regelungen und vorhandenen Einrichtungen zukunftsorientiert ausgestaltet und weiterentwickelt" werden sollten.

Was konkret heißt: An der Humboldt-Universität soll bis zum Wintersemester 2018/19 ein Institut für islamische Theologie entstehen, mit fünf Professoren. Und irgendwie soll auch die katholische Theologie, die bislang an der Freien Universität mehr kümmert als lebt, an der HU in neuer Stärke strahlen. So viel Religionsbegeisterung in einem so linken Regierungsbündnis - wer hätte das gedacht?

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Der Professor Schieder war's, sagt Wolfgang Thierse. Rolf Schieder, Professor für evangelische Religionspädagogik an der HU, habe als Erster die Idee gehabt, im Angesicht von so viel gutem politischen Willen doch gleich Deutschlands erste interreligiöse Fakultät zu gründen. Dort sollten dann Katholiken und Protestanten, Juden und Muslime forschen und lehren - nach Konfessionen und Religionen getrennt, wie es das Staatskirchenrecht vorschreibt, aber eben doch unter einem Dach in einer gemeinsamen "Fakultät der Theologien", wie Schieder in der Zeit-Beilage "Christ und Welt" schrieb. Anders als bei der "monokonfessionell" organisierten evangelischen oder katholischen Theologie würden sich hier die Religionen und Konfessionen gegenseitig befruchten, es entstünden "ganz neue Synergieeffekte" und "ein einmaliger Lernort" für Studierende.

Wer immer es erfunden hat: Die Idee ist in der Welt und damit auch der Streit darüber, ob diese Welt nun eine multireligiöse Fakultät braucht oder nicht. Er wird ziemlich emotional ausgetragen, dieser Streit. Es geht um mehr als um die Frage, wo nun die islamische Theologie sinnvollerweise angesiedelt wird, wie viele katholische Lehrstühle es braucht im nicht so katholischen Berlin und was das alles für die größte und wichtigste theologische Fakultät der Hauptstadt bedeutet, die evangelische mit ihren elf Lehrstühlen. Es geht um die Frage, wie nah sich die Religionen kommen können, ohne dass das jeweils Eigene leidet und die Profile verschwimmen. Und darum, wie die Zukunft der Theologie als Wissenschaft aussehen kann in einem Land, in dem die christlichen Kirchen kleiner werden und eine gewachsene Minderheit der Muslime einen Platz sucht. Und um ein paar Befindlichkeiten geht es auch.

Für die Befürworter ist die Idee von der "Fakultät der Theologien" geradezu brillant. Statt die islamische Theologie, wie derzeit geplant, bei den Philosophen und Kulturwissenschaftlern anzusiedeln, bekäme sie einen eigenen Ort bei den Theologen; jüdische Theologie würde nicht mehr nur in Potsdam gelehrt, sondern auch im Zentrum Berlins, die Katholiken würden ebenfalls aufgewertet. Und der evangelischen Theologie würde nichts genommen.

Die Zahl der Gegner wächst

"Der Religionsunterricht aller Konfessionen und Religionen wird immer mehr über den eigenen Rand hinausschauen müssen", sagt Wolfgang Thierse, "da ist es nur gut, dass die angehenden Religionslehrer möglichst viel gemeinsam lernen." Die verschiedenen Institute der neuen Fakultät könnten "einander eine Herausforderung sein", und gerade für die neu zu organisierende islamische Theologie sei es wichtig, "von den Standards der anderen profitieren zu können". Die Reihe der Unterstützer und Sympathisanten ist mittlerweile lang, sie reicht vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und der ehemaligen CDU-Bildungsministerin und jetzigen Vatikan-Botschafterin Annette Schavan zum katholischen Berliner Erzbischof Heiner Koch und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster.

Im gleichen Maße wächst aber die Zahl derer, die in der "Fakultät der Theologien" bestenfalls eine gut gemeinte Idee und schlimmstenfalls das Tor zum Chaos sehen, zur Beliebigkeit und am Ende zur Bedeutungslosigkeit aller, die da auf eine Aufwertung hoffen. An der Spitze dieser Kritiker steht Christoph Markschies, der wortmächtige Dekan der evangelischen Fakultät und einstige HU-Präsident. Er halte wenig von einer "multireligiösen Mischfakultät, in der bekanntlich alle Katzen grau sind", schrieb Markschies in der theologischen Fachzeitschrift Herder-Korrespondenz. Natürlich sei er für die enge Zusammenarbeit der Konfessionen und Religionen, sagt Markschies. "Aber wenn die Fakultäten auf ihren Fakultätsstatus verzichten und sich selber zu Instituten herunterstufen, dann ist das eine Selbstverzwergung, die der Sache nicht dient."