Schule Digitalisierung der Schulen endet mit Elektroschrott

Digital trifft analog: Lehrerin mit Tablet vor Kreidetafel.

(Foto: dpa)

Zumindest, wenn Lehrer sie allein stemmen müssen. 15 Überstunden pro Woche sind unzumutbar - und schaden nicht nur den Lehrkräften.

Von Matthias Kohlmaier

Nehmen wir an, Sie bearbeiten im Büro ein Sonderprojekt. Das Thema ist spannend, und Ihr Chef bietet an, dass Sie dafür ein paar Stunden pro Woche von Ihren regulären Aufgaben entlastet werden. Am Ende aber brauchen Sie für das Projekt nicht ein paar Stunden pro Woche, sondern anderthalb Tage. Wochenenden und Feierabende gehen regelmäßig dafür drauf. Wie lange würden Sie das mitmachen?

Jens Reider hat es 13 Jahre lang mitgemacht. Reider, der in Wahrheit anders heißt, ist Mathematik- und Physiklehrer an einem bayerischen Gymnasium. Eigentlich. Für seine Kollegen war er über Jahre hinweg vor allem der Ansprechpartner, wenn irgendetwas mit der Technik nicht funktioniert hat: Als Systembetreuer seiner Schule hat sich Reider über drahtloses Internet und Firewalls informiert, sich mit Datenschutz und Hardwareproblemen herumgeplagt. Gelernt hat Reider aus dieser Zeit eines: "Man braucht hier eine Professionalisierung. Für einen Lehrer allein ist das kaum zu schaffen."

Was im Computer ist, ist noch längst nicht im Hirn

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Die Digitalisierung ist das Zukunftsprojekt in der Bildung schlechthin. Umso mehr, nachdem Studien gezeigt haben, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich nur mäßig fit am Computer sind. Dass sich das ändert, dafür soll unter anderem der Digitalpakt von Bund und Ländern sorgen. Der Bund wird in den kommenden Jahren fünf Milliarden Euro für die schulische Digitalisierung bereitstellen. Die Länder sollen im Gegenzug Konzepte ausarbeiten, damit die Lehrer dann auch etwas mit all den Tablets oder digitalen Tafeln anfangen können, die mittelfristig zur Verfügung stehen sollen.

Verteilt man die fünf Milliarden Euro auf 40 000 Schulen, die digitalisiert werden sollen, bleiben pro Schule 125 000 Euro. Davon kann man schon ein paar Dutzend hübsche Tablets oder sonstige Hardware kaufen. Das könnte für Schüler wie Lehrer ein Grund zur Freude sein. Aber wer kümmert sich um die Technik? Wer selbst auch nur ein oder zwei solcher Geräte besitzt, der weiß, wie oft sie abstürzen können, keine Verbindung zum Internet herstellen oder auf andere Weise den Dienst versagen.

15 Stunden Mehrarbeit - pro Woche

Und damit zurück zu Jens Reider. Dessen Stelle als Systembetreuer gibt es an zahlreichen - nicht nur bayerischen - Schulen in Deutschland. Als Inhaber so einer Funktionsstelle müssen Lehrer bei voller Bezahlung weniger Unterricht halten, weil sie anderweitig zu tun haben. Ein bayerischer Gymnasiallehrer muss in Vollzeit 23 Wochenstunden unterrichten; dem Systembetreuer Reider wurden zwischen zwei und vier Stunden davon erlassen, damit er sich um Computerräume, Wlan et cetera kümmern konnte.

Gereicht hat diese Zeit hinten und vorne nicht, im Durchschnitt hat sich Reider wöchentlich etwa 15 Stunden mit der Technik beschäftigt. Neben seinem Lehrerjob, wohlgemerkt. "Man macht das mit viel Idealismus, anders geht es gar nicht", sagt Reider über diese Jahre.

Was der Mathelehrer beschreibt, ist nur eine Krux von vielen, wenn es um die Digitalisierung an Schulen geht: Das Projekt bleibt an den Lehrkräften hängen, fünf Milliarden hin oder her. Man kann die Schulen mit noch so vielen Tablets bewerfen - wenn die Lehrer nicht für digitalen Unterricht geschult werden, endet die Schuldigitalisierung in Elektroschrott und Kabelsalat. Schulen brauchen bei der Systembetreuung professionelle Unterstützung.