Mathematikum in Gießen Mathe tanzen und spielen

Zwang und Angst, das assoziieren viele mit dem Matheunterricht. Dass das nicht so sein muss, beweist das Mathematikum Gießen. Hier lernen nicht nur Schüler - sondern auch Lehrer, was sie gegen das schlechte Image ihres Fachs tun können.

Von Sebastian Krass

Es ist zum Verrücktwerden, die Pyramide will einfach nicht hineinpassen in den Glaswürfel. Melih dreht sie noch einmal, diesmal nur ein bisschen, und steckt sie wieder auf den Würfel, der oben offen ist. Wieder nichts. Melih versucht es mit Gewalt, stemmt sich auf die Pyramide. Doch die Kraft des Fünftklässlers reicht nicht, um die Gesetze der Mathematik zu überwinden. Die Seiten der Pyramide sind länger als die des Würfels.

Als Melih kurz davor ist aufzugeben, klappt es dann doch. Er hat die Pyramide so gedreht, dass ihre Kante genau auf einer Linie mit der Diagonalen der Würfelfläche ist. Und schon ist sie in den Würfel gerutscht. Aus Verzweiflung wird ein zufriedenes Grinsen und ein bisschen Stolz. "War ganz schön schwierig, das richtig zu drehen", sagt der Junge.

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"Körper", das ist das Thema dieses Museumsbesuchs von Melih und seinen Klassenkameraden aus einer Marburger Gesamtschule. Sie sind für einen Ausflug ins nahe Gießen gefahren, ins Mathematikum, ein Mitmach-Museum. Ein Ort, in dem man "Mathematik ohne Zwang und Angst erleben soll". So sagt es Albrecht Beutelspacher, Mathematik-Professor an der Uni in Gießen und Gründer des Museums.

"Klickmomente" statt Zwang und Angst

Hier gibt es keine Rechenaufgaben, nur kleine Experimente. "Sie sind nicht mit Glück oder Geduld zu lösen, es gibt einen kleinen Widerstand", erklärt Beutelspacher. "Und wenn man den überwindet, erlebt man einen Klickmoment." Ein Klick, der den Besucher der Mathematik ein Stück näher bringen soll. Dafür hat das 2002 eröffnete Mathematikum auch schon einige Preise bekommen. Es zieht Jahr für Jahr 150.000 Besucher an, im Schnitt etwa 400 am Tag.

"Zwang" und "Angst" - das sind zwei Worte, die viele Schüler mit dem Wort "Mathematik" assoziieren. Manche sehen da ihr Lieblingsfach verunglimpft (wie auch Leser auf einen SZ.de-Aufruf im Rahmen diese Projekts monierten), aber für die Mehrheit ist Mathe ein "Angstfach". Es sei das "meistgehasste Fach in der Schule", schreibt der Stuttgarter Mathematik-Professor Christian Hesse in einem Gastbeitrag in der SZ.

Deutschlands Eltern geben - inklusive Schwarzmarkt - eine bis 1,5 Milliarden Euro im Jahr für Nachhilfestunden aus, schätzt der Bundesverband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN). "Und mehr als die Hälfte aller Stunden wird in Mathematik gegeben", sagt die VNN-Vorsitzende Cornelia Sussieck. Der Anteil ist seit Jahren stabil. Es läuft also offenbar einiges falsch in Deutschlands Schulen. Aber gibt es Veränderungswillen, Problembewusstsein in der Gesellschaft? Hesse erzählt: Man treffe oft auf Menschen, die "damit kokettieren, dass sie in der Schule immer schlecht in Mathe waren - und dass dennoch etwas aus ihnen geworden ist".

Kritiker monieren, der traditionelle Matheunterricht sei zu stark konzentriert auf die Einübung von Verfahren: Bruchrechnen, Gleichungen, Funktionen - eingepaukt und abgeprüft. Oft werde den Kindern Sinn und Zweck davon nicht verdeutlicht. Es fehle die Freiheit, die Schüler Mathematik erleben zu lassen und ihnen damit beim Verstehen zu helfen. "In jedem Kirchturm, in jedem Verkehrszeichen steckt Mathe", sagt Albrecht Beutelspacher.

Im Eingang des Mathematikums liegt ein großer roter Teppich, "Mathe macht glücklich" steht darauf. Als ein Mädchen, neunte Klasse, das sieht, fasst sie sich ungläubig an den Kopf und dreht sich ab. Da könnte auch stehen: "Staubsaugen macht glücklich", das wäre genauso abwegig. Zita Sprengard ist Lehrerin an einer Gesamtschule im Landkreis Marburg-Biedenkopf und ist heute mit der neunten Klasse zu Besuch. Sie weiß um das Problem, das ihr Fach hat. Denn selbst wenn man sich noch so schöne Konzepte und Museen ausdenkt, ein Problem bleibt: Schule ist Schule, Mathe findet in der Schule statt, und Schule klaut Lebenszeit.