Kritik an Schülertests Appell gegen Pisa

Pisa füge Schulen und Schülern "irreparablen Schaden" zu, kritisieren zwei Bildungsexperten in einem offenen Brief im "Guardian". Jetzt kontern die Macher der OECD: Ohne die internationalen Schülertests stünden die Schulen heute schlechter da.

Von Johann Osel

Der Jubel über die Verbesserungen der deutschen Schüler ist noch gar nicht richtig verklungen - schon ist wieder ein Grundsatzstreit über die Pisa-Studie ausgebrochen. Einige Tausend Unterzeichner, darunter deutsche Professoren und Lehrer, haben sich mittlerweile einem weltweiten Appell im Internet angeschlossen, der den Stopp des Schüler-Vergleichs fordert, und zwar besser heute als morgen. In dem Streit über den Sinn und Zweck der Pisa-Studie gehen die Macher nun in die Offensive.

"Ich bin überzeugt, dass unsere Länder ohne Pisa schlechter dastünden", schreibt der Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Mexikaner Angel Gurría, in einer Analyse für die Süddeutsche Zeitung. Die Studien hätten bewirkt, dass Länder "über den nationalen Tellerrand hinweg schauen" und konkret voneinander lernen.

Gurría reagiert auf die Online-Bewegung, deren Auslöser ein offener Brief in der britischen Zeitung Guardian war. Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Dieter Meyer, an der New Yorker State University tätig, und eine US-Schulleiterin beklagen darin den "einseitigen Maßstab" von Pisa. Dies füge Schulen und Schülern "irreparablen Schaden" zu. Bei Pisa werde die Vorstellung davon, "was Bildung ist und sein soll, in gefährlicher Weise verengt", so die Autoren in dem Brief, adressiert an den Studienleiter Andreas Schleicher.

Die OECD lenke die "Aufmerksamkeit auf kurzfristige Maßnahmen - in der Absicht, schnell im Ranking aufzuholen". Es sei unverständlich, wie "die OECD zum globalen Schiedsrichter über Mittel und Ziele von Bildung in der ganzen Welt werden konnte". Zudem sei Pisa eine Art Einfallstor für privatwirtschaftliche Akteure, die nach den pauschalen Ergebnissen ihre "Bildungsdienstleistungen" besser verkaufen könnten.

Jede Nation glaubte früher, sie habe das beste Schulsystem, sagt der OECD-Generalsekretär

Kritik an Pisa gibt es seit dem Start vor fast 15 Jahren, sie war zuletzt aber leiser geworden. Im Dezember 2013 erschienen die jüngsten Ergebnisse, erneut mit Fortschritten deutscher Schüler. Geprüft wurden 15-Jährige in 67 Ländern in Rechnen, Lesen, Naturwissenschaften sowie im Problemlösen. Hier mussten sie etwa an einem Ticketautomaten die beste Fahrtroute ermitteln. Derzeit laufen Vorarbeiten für die Veröffentlichung 2016. Hierzu soll es Neuerungen geben. Der Zeitpunkt des Briefes war insofern klug gewählt.

Gegner Fahrkartenautomat

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Angel Gurría setzt den Kritikern nun die Erfolge der Tests entgegen. Man solle sich mal an die Zeit vor Pisa erinnern: "Wenn Bildungsminister damals zusammenkamen, war jeder überzeugt, das eigene Bildungssystem sei das beste. Heute sitzen die Hauptakteure mit vergleichbaren Zahlen am Tisch und interpretieren die Ergebnisse vor dem Hintergrund praktischer Erfahrungen anderswo." Gerade in Deutschland sei dies zu sehen. Die Debatte "veränderte den ganzen Blick auf Bildung".

Bei der ersten Studie 2000 hatten deutsche Kinder nur mittelmäßig abgeschnitten. Das hatte den berühmten Pisa-Schock ausgelöst. Zudem erwies sich der Zusammenhang zwischen Elternhaus und Leistungen als enorm. Tatsächlich ist Schulpolitik danach in den Fokus gerückt. Die Kultusminister setzten etwa vergleichbare Standards für die Bundesländer, reformierten Schulsysteme und teils Unterrichtskonzepte, bauten frühkindliche Bildung aus.