Inklusion "Ich bin froh, dass ich es gemacht habe"

Also machte sie einen neuen Plan und ging in der zehnten Klasse in die USA, an eine private Highschool im Bundesstaat New York. "Die Zeit war enorm aufwendig", erinnert sich Targownik. Nicht nur, dass die Schule teuer war und die ganze Familie mitgeholfen hat, um die Gebühren sowie die nötigen Reisen zwischen Deutschland und der US-Ostküste zu bezahlen. Aufgrund ihrer Behinderung braucht Amili ein barrierefreies Umfeld und rund um die Uhr Hilfe - das ist nirgends leicht zu organisieren. Im Unterricht läuft es dann aber gut, wie sie sagt: "Ich hatte das Gefühl, dass mir die Lehrer dort viel mehr zutrauen als in Deutschland."

Ihr größtes Projekt an der amerikanischen Ross School ist ein eigenes Buch, in dem sie ihre Erfahrungen schildert. Parallel notiert sie in einem Blog, wie es mit dem Schreiben läuft. Nach drei Jahren ist das Buch fertig, Titel: "Nothing is impossible", nichts ist unmöglich. Zu dieser Zeit hat Targownik alle Kurse bestanden. Zwar brauchte sie, wie erwartet, deutlich länger als ihre Mitschüler, um den Stoff zu beherrschen. Doch am Ende hatte sie alle erforderlichen Noten beisammen. Das Foto von ihrer Abschlussfeier zeigt sie im Talar und mit dem Zeugnis in der Hand. Der Abschluss ist auch so etwas wie ein Triumph für sie, ein später Sieg über das - aus ihrer Sicht - oft hinderliche deutsche Förderschulsystem.

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Im Frühsommer 2016 sitzt Amili Targownik am Esstisch im Wohnzimmer ihres Elternhauses unweit von München. Das Orientierungsjahr an der Bremer Universität ist vorüber, auch dort seien die Noten gut gewesen. "Ich bin froh, dass ich es gemacht habe", sagt Targownik über die zurückliegenden Monate. "Das Programm hat mir geholfen herauszufinden, was ich kann." Die Kurse in Psychologie fand sie besonders interessant, auch Sozialwissenschaften haben sie interessiert - nur Mathematik ging gar nicht.

Über ihre Berufswünsche ist sie sich inzwischen auch schon etwas klarer: Sie will anderen Behinderten in Deutschland helfen und sie beraten, damit sie es einmal leichter haben mit Schule und Ausbildung. "Ich sehe mich da schon ein wenig als politische Aktivistin", sagt Targownik. Ihre persönliche Erfahrung ist dabei sicher wichtig, doch ein Studienabschluss, sagt sie, wäre schon sehr hilfreich, um einmal einen Job zu bekommen und ernst genommen zu werden.

Auf dem Tisch vor Amili liegt ein Brief vom Studiendekan an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv. Es ist die zweitgrößte Universität des Landes mit derzeit fast 25 000 Studenten. Er freue sich, so schreibt er, ihr mitteilen zu können, dass sie für den Bachelor-Studiengang in Sozialwissenschaften angenommen worden sei. Von November an studiert Targownik Soziologie, Psychologie und Kriminologie. Die Regelstudienzeit beträgt drei Jahre, sie wird wohl etwas länger brauchen. "Aber ich will es auf jeden Fall schaffen."

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