Gymnasien in Niedersachsen Wo das G 8 abgeschafft wird

Das achtjährige Gymnasium steht in vielen Bundesländern in der Kritik.

Zuletzt lief es nicht rund für Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Ein Gericht hatte die Erhöhung der Arbeitszeiten der Gymnasiallehrer um eine Stunde für verfassungswidrig erklärt. Die Landesregierung war nicht nur gezwungen, die Erhöhung zurückzunehmen, sondern muss zum neuen Schuljahr auch Hunderte neue Lehrer einstellen. Kostenpunkt: etwa 40 Millionen Euro. Für die Ministerin von der SPD eine schmerzliche Niederlage.

Für eine andere bildungspolitische Entscheidung war Heiligenstadt zuvor gerade von den Gymnasiallehrern sowie von deren Schülern jedoch sehr gelobt worden: die Rückkehr zum G 9. Im Interview erklärt sie, was bei der Einführung des achtstufigen Gymnasiums schiefgelaufen ist - und wie die Schulen nun das "gewonnene" Jahr nutzen sollen.

Interview von Matthias Kohlmaier

SZ.de: Frau Heiligenstadt, ist das G 9 grundsätzlich der bessere Bildungsweg als das G 8?

Frauke Heiligenstadt: Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern darum, dass Schüler mehr Zeit zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit und zum Lernen brauchen. In Niedersachsen gab es von allen Seiten den Wunsch, das Abitur wieder nach neun Jahren ablegen zu können. Wir haben das lange diskutiert und uns entschieden, das G 8 wieder abzuschaffen.

War es, als Sie 2013 Kultusministerin wurden, von Beginn an Ihr Wunsch, das Gymnasium zu entschleunigen?

Wir sind mit der Ansage in den Wahlkampf gegangen, dass es ein stressfreieres Lernen geben muss. Das lässt sich natürlich nicht nur über eine Verlängerung der Schulzeit, sondern zum Beispiel auch durch Veränderungen der Lehrpläne oder weniger Prüfungen erreichen. Ich habe daher nach der Wahl ergebnisoffen mit allen Beteiligten diskutiert. Wobei natürlich da bereits erkennbar war, dass viele Schüler die Gymnasien verlassen haben, um auf ihrem persönlichen Weg das Abitur nach 13 Jahren zu erreichen (etwa auf einem Beruflichen Gymnasium; Anm. d. Red.). Ich freue mich, dass wir im Konsens mit Schülern, Lehrern und Eltern im kommenden Schuljahr in ein neu gestaltetes G 9 starten können.

Haben Sie viel negatives Feedback aus den Betrieben bekommen? Die Wirtschaft argumentiert ja gern pro G 8, um mit jüngeren Absolventen den Fachkräftemangel bekämpfen zu können.

Mich hat es sehr überrascht, dass die Entscheidung pro G 9 selbst aus großen Teilen der Wirtschaft positiv aufgenommen wurde. Dort kommt man offensichtlich auch vom Wunsch nach immer jüngeren Berufseinsteigern weg und erkennt, dass zum Beispiel für Auszubildende genug Zeit zur Persönlichkeitsbildung wichtig ist. Ohnehin hatten aber auch schon im G 8 viele Schüler die "gewonnene" Zeit nach dem Abitur für ein Jahr im Ausland oder ein freiwilliges soziales Jahr genutzt - und waren gar nicht direkt in die Betriebe oder Universitäten gewechselt.

Sie haben die Sorgen der Beteiligten angesprochen: Inwiefern muss sich eine Kultusministerin nach den Wünschen von Schülern, Lehrern etc. richten?

Wir machen nicht Politik, wie gerade der Wind weht. Deshalb haben wir auch nach der Wahl nicht populistisch gesagt: "Weil so viele ein Jahr mehr bis zum Abitur fordern, machen wir das jetzt!" Vor der Entscheidung lag ein langer Prozess mit der Etablierung eines Dialogforums und dem Einsetzen einer Expertengruppe. Letztere hat drei Varianten analysiert: Wie ließe sich ein stressfreieres G 8 gestalten? Ist ein Abitur im eigenen Takt, also eine Mischform von G 8 und G 9 sinnvoll? Wie könnte ein modernes G 9 aussehen?

Das Ergebnis ist bekannt. Welche Argumente haben am Ende für das neunjährige Gymnasium gesprochen?

Die Jugendlichen sollen mehr Zeit bekommen, sich außerschulisch zu engagieren und vor allem wieder genug Zeit haben, Lehrstoff zu verinnerlichen und aufeinander aufbauende Inhalte stressfrei zu verarbeiten. Dass unsere Entscheidung nicht falsch gewesen sein kann, zeigt sich für mich auch darin, dass es während des gesamten Gesetzgebungsprozesses für das neue G 9 so gut wie keinerlei Kritik gab. Weder von Schülern, noch von Lehrern oder Interessenverbänden.