Grundschule Wenn Schöpfung, dann auch Evolution

In in den Grundschulen erfahren die meisten Kinder zur Entstehung und Entwicklung der Arten offiziell Folgendes: Gott hat die Welt, alle Tiere und die ersten beiden Menschen innerhalb von sechs Tagen erschaffen (im Bild: "Die Erschaffung Adams", der Ausschnitt aus dem Deckenfresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom)

Grundschüler erfahren über die Entstehung der Welt offiziell nur das, was die großen Religionen dazu sagen. Den Kindern werden uralte Mythen vermittelt, während die Lehrpläne ihnen die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften dazu vorenthalten. Wieso das so ist, und warum es Bemühungen gibt, das zu ändern.

Von Markus C. Schulte von Drach

Viele Kinder beginnen schon früh, sich für Dinosaurier zu interessieren. Sie entdecken im Zoo die Ähnlichkeit zwischen Menschen und Schimpansen. Vielleicht fragen sie sich auch, wieso die Giraffe einen so langen Hals hat, wieso der Tiger so viel größer ist als die Hauskatze und was Hund und Wolf miteinander zu tun haben.

Dann bleibt zu hoffen, dass Eltern, Verwandte oder Bekannte fundierte Antworten auf ihre Fragen haben. Denn in den Grundschulen erfahren die meisten Kinder zur Entstehung und Entwicklung der Arten offiziell Folgendes: Gott hat die Welt, die Tiere und die Menschen erschaffen. Denn das sagt die Bibel. Und dort steht auch noch, dass dies innerhalb von sechs Tagen geschah.

So heißt es also im Religionsunterricht. Und auch für die anderen Fächer ist nicht vorgesehen, dass die Kinder etwas anderes hören. Die Evolution kommt in den Grundschullehrplänen nicht vor, genauso wenig wie die Urknalltheorie. "Nur wenn Kinder danach fragen - weil sie vielleicht zu Hause davon gehört haben - kann es sein, dass Lehrerinnen und Lehrer ihnen bestätigen, dass es alternative naturwissenschaftliche Erklärungen gibt", sagt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes.

"Es kommt entscheidend auf die Lehrer an", sagt auch Dittmar Graf, Professor für Biologiedidaktik an der Universität Gießen. Wenn diese die Evolution aus eigener Initiative ansprechen, so müssen sie das Thema neben den offiziell vorgesehenen Lehrinhalten unterbringen.

Der fünfte Schöpfungstag. Gott bei der Erschaffung der Tiere. Zeichnung von Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872)

(Foto: Scherl)

Dass die Schöpfungsgeschichte überhaupt an den Grundschulen gelehrt wird, hängt mit der Organisation der Bildungseinrichtungen zusammen, mit dem offiziellen Stellenwert der großen Glaubensgemeinschaften und mit den Bildungszielen in Deutschland. Es existiert zwar keine Staatskirche. Doch der Teil der Bildung und Erziehung, den der Staat organisiert, ist stark mit der christlichen Religion verknüpft.

So muss der Inhalt des Religionsunterrichts von der katholischen oder evangelischen Kirche "abgesegnet" werden. Wo inzwischen islamischer Religionsunterricht angeboten wird, soll dieser im Sinne der muslimischen Glaubensgemeinschaft erfolgen.

Schließlich hat sich das deutsche Volk "im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen" ein Grundgesetz gegeben, in dem festgelegt wurde, dass der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt" werden muss.

Das bedeutet, den Kinder wird auch an den öffentlichen staatlichen Schulen im Religionsunterricht das Weltbild der jeweiligen Religionen subjektiv, nicht objektiv, vermittelt.

Warum die Evolution schon Kindern erklärt werden sollte

In der Grundschule hören die Schüler von der Erschaffung der Welt durch Gott. Von der Evolution erfahren sie noch nichts. Das möchte die Initiative "Evokids" ändern. Die frühe Beschäftigung mit dem Thema sei notwendig, um ein fundiertes Menschenbild zu entwickeln, sagt Dittmar Graf, Professor für Biodidaktik an der Uni Gießen. Von Markus C. Schulte von Drach mehr ...

Zwar soll der Ethik- oder Philosophieunterricht eine Alternative darstellen. Doch Eltern dürfen nicht davon ausgehen, dass ihre Kinder dort immer objektiv über die verschiedenen religiösen Weltbilder aufgeklärt werden. Es kommt vielmehr vor, dass die Grundschüler auch im Ethikunterricht die Schöpfungslehre beigebracht bekommen.

Der Umgang mit der Religion außerhalb des Religionsunterrichts hängt auch davon ab, welchem Auftrag sich die Lehrerinnen und Lehrer verpflichtet fühlen. Orientieren sie sich zum Beispiel an den Verfassungen der Bundesländer, in denen sie arbeiten, so müssten sie sich in einigen eindeutig zur religiösen Erziehung angehalten fühlen:

So heißt es etwa in der bayrischen Verfassung: "Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, [...]." Die Verfassung von Rheinland-Pfalz bestimmt: "Die Schule hat die Jugend zur Gottesfurcht und Nächstenliebe, [...] zu erziehen." Entsprechende Artikel enthalten die Verfassungen von Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und dem Saarland.

In den übrigen elf Bundesländern ist das Bildungsziel Ehrfurcht vor Gott zwar in der Verfassung nicht festgelegt. Aber Evolution als Alternative zur Schöpfungsgeschichte fehlt auch dort in den Lehrplänen für die Klassen 1 bis 6. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass 81 Prozent der Grundschüler die Entstehung des Lebens auf einen Schöpfungsprozess zurückführen - obwohl viele zugleich von der Evolution des Menschen gehört haben. Das hat eine Bachelorarbeit von Svenja Teetz von der TU Dortmund 2011 gezeigt.

Sachunterricht bietet sich an

Dabei böten sich der Sachunterricht beziehungsweise der Heimat- und Sachunterricht an, um den Nachwuchs auf die Evolution hinzuweisen. Schließlich soll hier bei den Kindern zum Beispiel in NRW "das Verstehen von biologischen und ökologischen Zusammenhängen" gefördert werden. In Bayern sollen sie lernen zu "beschreiben, wie heimische Tier- und Pflanzenarten an ihren Lebensraum angepasst sind". Warum nicht auch, dass sie das über einen langen Prozess getan haben? Und die Grundschullehrer sind entsprechend ausgebildet. Sie haben die Evolutionstheorie selbst an der Universität gelernt.

Doch weil die Grundschüler mit dem Thema Evolution überfordert sein könnten, wird darauf verzichtet. "Es gibt Lerninhalte, für die bei den Kindern erst bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen", sagt auch Klaus Wenzel. "Aber ich begrüße es, wenn Lehrer die Kinder auf Nachfrage über die alternativen Erklärungsmöglichkeiten informieren."

Erwachsene sollten Kinder nicht mit dem Hinweis frustrieren, sie wären noch zu klein. "Auch Lehrer können zumindest sagen: 'Da gibt es eine Evolutionstheorie und eine Urknalltheorie. Aber um zu lernen, was dahinter steckt, sind wir noch nicht weit genug'", empfiehlt Wenzel.

Wer mit Grundschulkindern über die Evolution spricht, stellt schnell fest: Achtjährige können es sich durchaus vorstellen, dass sich aus Fischen die ersten Amphibien, aus diesen die Reptilien wie die Dinosaurier und schließlich die Vögel und Säugetiere bis hin zum Menschen entwickelten. Diese Erklärung ist für sie nicht fantastischer als die, dass ein übersinnliches Wesen den ersten Menschen aus Lehm geschaffen hat. Tiefere biologische Kenntnisse sind nicht notwendig - genauso wenig wie theologisches Grundwissen Voraussetzung dafür ist, die Schöpfungsgeschichte zu glauben.

Aus pädagogischer Sicht spricht sicher nichts dagegen, schon Grundschulkinder mit einigen Aspekten der Evolution vertraut zu machen. Es spricht sogar einiges dafür. "Hören die Kinder vier Jahre lang nur von der Schöpfung, und dann heißt es plötzlich, dass es noch ganz andere Erklärungen gibt, dann kann das die Glaubwürdigkeit der Erwachsenen untergraben", sagt Wenzel.

Was Kinder an Grundschulen lernen, trägt aber auch zur Entwicklung ihres Welt- und Menschenbildes bei. Und, so sagt Dittmar Graf, "die Evolutionstheorie hat selbst in unserer Gesellschaft ein Verständnis- und Akzeptanzproblem." Er engagiert sich deshalb im Projekt Evokids, das zum Ziel hat, die Evolution in die Lehrpläne für die Grundschule zu bringen. (Siehe Interview)

Eine einseitige religiöse Beeinflussung - auch mit Einverständnis der Eltern - wird auch dem Grundgesetz nicht gerecht. Dieses stellt fest, dass niemandem "aus seiner Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem Bekenntnis oder einer Weltanschauung ein Nachteil erwachsen" darf (Artikel 33). Es lässt sich aber durchaus als Nachteil betrachten, wenn Kindern der Schöpfungsglaube nahegelegt wird, ihnen zugleich aber Hinweise auf grundlegendste naturwissenschaftliche Erkenntnisse vorenthalten werden. Erkenntnisse, auf denen unser modernes Weltbild beruht.

Schon Grundschulkinder sollten daran teilhaben dürfen.

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Atheisten kennen sich genauso gut oder sogar besser aus als Gläubige, wenn es um die Weltreligionen geht. Dies hat eine US-Studie ergeben. Gut Bescheid wissen außerdem Juden und Mormonen. Und Sie? mehr ...