Grundschul-Studie Schluss mit der Geduld!

Mehr Chancengleichheit, gerade für arme und ausländische Familien? Fehlanzeige. Die Grundschul-Studie dokumentiert ein langjähriges Versagen deutscher Schulpolitik, vor allem in den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin. Doch die haben nun keine Entschuldigung mehr, denn die Studie zeigt: Auch im Vergleich mit anderen Großstädten schneiden sie erbärmlich ab.

Ein Kommentar von Roland Preuß

Die Aufgaben des Bildungsvergleichs

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Es gibt jetzt keine Ausreden mehr. Das ist das wertvollste Ergebnis der Grundschul-Studie, die seit Freitag bekannt ist. Denn die Ergebnisse überraschen nur im Detail: Vorne sind wieder einmal südliche Länder wie Bayern, Baden-Württemberg, aber auch Sachsen, am Ende stehen Hamburg, Berlin und Bremen (die einzelnen Ergebnisse finden Sie hier).

Doch bisher haben die Kultusminister von den letzten Plätzen stets einen gewichtigen Grund gefunden, warum ausgerechnet ihre Länder hinten liegen: In den Großstädten gebe es eben mehr Problemfamilien als auf dem Land, hieß es. Der Erfolg im Süden, etwa bei Gymnasiasten, sei erkauft durch gnadenlose Verdrängung in Real- und Hauptschulen, und überhaupt daure der Wandel in der Bildungspolitik eben besonders lange - bis sich 16 Kultusminister geeinigt haben, neue Regeln eingeführt und Lehrer fortgebildet sind.

Das alles lässt sich seit Freitag gut als Geschwätz abtun. Denn die Forscher haben auf dieses Lamento reagiert und neben den Stadtstaaten auch andere Großstädte ins Visier genommen. Und siehe da: Auch dann schneiden die Stadtstaaten erbärmlich ab. Die Langsamkeit der Schulpolitik kann man mehr als zehn Jahre nach dem ersten Schock über die schlechten deutschen Pisa-Ergebnisse nicht mehr bemühen. Und an einer scharfen Auslese wie an manchem Gymnasium kann es ebenfalls nicht liegen. Denn in der Grundschule werden alle gemeinsam unterrichtet.

In der Grundschule werden die Grundlagen gelegt

Die Studie dokumentiert ein langjähriges Versagen der Schulpolitik in Bremen, Hamburg und Berlin. Sie ist ein Aufruf, Schluss mit der Geduld zu machen. Und sie dokumentiert das Scheitern einer Politik, der es erklärtermaßen um mehr Chancengleichheit gerade für arme und ausländische Familien ging. Doch nicht einmal da können die Hauptstadt und die beiden Hansestädte punkten. Nirgendwo sonst hängt die Fähigkeit zum Lesen so stark von der Herkunft ab wie in Bremen, und niemand hat als Kind aus einer Hartz-IV- oder Migrantenfamilie so schlechte Chancen, Deutsch zu verstehen wie in Berlin. Dass dies bei den Viertklässlern festgestellt wird, macht die Lage noch gravierender. Denn dies ist das Schuljahr, in dem sich meistens entscheidet, ob es das Kind auf das Gymnasium schafft oder nicht. In der Grundschule werden die Grundlagen gelegt. In Berlin, Bremen und Hamburg werden vor allem Lebenschancen vertan.

Das heißt nicht, dass nur der Staat für den Erfolg der Schüler verantwortlich ist. Natürlich sind die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder zu fördern. Den Rahmen, damit dies gelingen kann, setzt allerdings der Staat - und hier gibt es gewaltige Unterschiede. Die Studie der Kultusminister hat diese Gefälle quer durchs ganze Land besser denn je offenbart. Die Bundesländer am Ende der Liste müssen ihn nun zum Anlass nehmen, der Bildungspolitik den Vorrang einzuräumen. Das heißt nicht unbedingt, dass mehr Geld in die Schulen fließen muss. Oft reicht es schon, Gutes von anderen zu übernehmen. Wenn Vergleichsstudien dazu der Treibsatz sind, so haben sie schon ein wichtiges Ziel erreicht.

(Alles zum Thema Schule finden Sie hier.)