Bezahlung von Wissenschaftlern Das promovierte Prekariat

Mindestlohn? An den Unis arbeiten Lehrbeauftragte für zwei Euro die Stunde. Oft dürfen sie sogar noch Kopien und Lehrmaterialien selbst bezahlen. Hier ist die selbsternannte Bildungsrepublik in der Pflicht - doch auch die Wissenschaftler müssen ihrer beispiellosen Selbstausbeutung ein Ende setzen.

Gastbeitrag von Peter Grottian
Zur Person Peter Grottian, 72, war Hochschullehrer für Politikwissenschaft an der FU Berlin - und unter anderem Mitinitiator des Bildungsstreiks 2009/2010.

Viele in der Republik sind zu Recht erfreut über den geplanten Mindestlohn von 8,50 Euro. Viele Hungerlöhne aber werden bleiben - und einfach verschwiegen: weil die Betroffenen individualisiert und miserabel organisiert sind, weil die Gewerkschaften sich nicht darum kümmern, und weil die Institutionen, die eine Fürsorgepflicht hätten, kläglich versagen.

Die Rede ist von 90 000 wissenschaftlichen Lehrbeauftragten an den Universitäten und Fachhochschulen. Sie schultern zwischen 30 und 40 Prozent des curricular vorgeschriebenen Lehrdeputats. Sie ermöglichen die oft kaum zu schaffende Erfüllung der vorgeschriebenen Studienanforderungen. Kurz: Sie sind unverzichtbar für die Aufrechterhaltung des Lehrbetriebs. Aber sie werden behandelt wie der letzte Dreck.

Viele dieser Lehrbeauftragten arbeiten zum Nulltarif. Sie dürfen sogar oft Kopien und Lehrmaterialien noch selbst bezahlen. Viele arbeiten zu einem gestaffelten Stundensatz zwischen 20 und 60 Euro - die große Mehrheit der Honorarverträge kreist um 25 Euro pro Stunde. Natürlich sind die Vorbereitungs- und Beratungszeiten je nach Fach verschieden.

300 Stunden Lesezeit

Eine Spanisch-Dozentin wird mit weniger Vorbereitungszeiten auskommen als ein Lehrbeauftragter in Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie. Doch ein promovierter Historiker zum Beispiel, der ein Seminar zur "sozialwissenschaftlichen Debatte zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs" anbietet, muss vorher 30 bis 40 Bücher und rund 50 Aufsätze lesen - das sind ungefähr 300 Stunden Lesezeit. Es kommen Vorbereitungen zu den Lehrveranstaltungen hinzu und Betreuungsleistungen für Seminararbeiten. Bei einem Honorar über 700 Euro pro Semester landet dieser Historiker bei einem Stundenlohn von zwei Euro.

Wer eine Arbeitsgruppe von Pharmazeuten und Biologen im Grundstudium betreut, muss dafür meist weniger arbeiten als ein Wissenschaftler, der Hausarbeiten liest, korrigiert, mit den Studenten bespricht. Aber jenseits aller Unterschiede ist unabweisbar, dass eine große Mehrheit der Lehrbeauftragten den dokumentierten Arbeitsleistungen zufolge bei circa drei Euro Stundenlohn liegt. Und alles bleibt still in der Republik, kein Aufschrei, nirgends. An Deutschlands Universitäten gibt es keinen Mindestlohn, sondern maximale Ausbeutung.

Krise des überforderten Lehrkörpers

So gesehen gibt es, wie der Wissenschaftsrat zu Recht rügt, nicht nur einen dramatischen Professorenmangel: Die Zahl der Studierenden ist in den vergangenen sechs Jahren um 22 Prozent gestiegen, die Zahl der Professoren nur um zehn Prozent. Es gibt, noch viel dramatischer, eine Krise des überforderten Lehrkörpers insgesamt. Wer auf die schamlose Ausbeutung der Lehrbeauftragten setzt, dem sind die katastrophalen Lehr-Lern-Verhältnisse an deutschen Hochschulen egal. Auch der Wissenschaftsrat räumt dieser Problematik nur eine dürre Fußnote ein.

Lehrbeauftragte sind unverzichtbar an den Unis. Aber sie werden behandelt wie der letzte Dreck, schreibt Peter Grottian.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Dabei belegen gerade seine Statistiken, wie die Einsparungen an den Hochschulen mit billigen Lehrbeauftragten kompensiert worden sind. Zu dieser Beschreibung gehört natürlich auch, dass der größte Teil der wissenschaftlichen Mitarbeiter an den Hochschulen ohne Promotion auf halben, bestenfalls Zwei-Drittel-Stellen sitzt - also mitnichten sich goldene Nasen verdienen kann. Zudem liegen sie oft an der Kette der Hochschullehrer. Ein Mittelbau mit Eigensinn und Kreativität ist in der professorenfixierten Universität nicht mehr wirklich gewollt.