Wegen Schneemangels Garmisch sagt Ski-Weltcup ab

Grün-braun-matschig statt schneeweiß: Blick auf die Kandahar-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen.

Zur Ski-WM 2011 hat Garmisch Millionen in eine topmoderne Beschneiungsanlage investiert. Doch für die Kanonen ist es derzeit einfach zu warm. Der Frauen-Weltcup Ende Januar muss ausfallen. Was bleibt, ist ein hoher Schaden und die Hoffnung auf die Männer-Rennen.

Von Heiner Effern

Dreimal ist Peter Fischer in der Nacht aufgestanden, jedes Mal ist er gleich zum Thermometer gegangen. Die kälteste Nacht seit Tagen war angesagt, sie war die letzte Hoffnung für den Cheforganisator der Ski-Weltcuprennen in Garmisch-Partenkirchen. Mal waren es minus drei Grad, mal minus fünf, und schon in der Nacht ahnte Fischer, dass das nicht reichen würde.

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Tatsächlich war es weiter oben auf der berühmten Skiabfahrt Kandahar sogar wärmer als im Tal, die Kanonen konnten lange nicht so viel Schnee hinausschleudern wie nötig. Am Montagmorgen musste Peter Fischer die für das letzte Januarwochenende angesetzten Frauenrennen absagen. Was bleibt, ist ein Schaden in sechsstelliger Höhe und die Hoffnung, wenigstens die Männer-Rennen eine Woche später noch zu retten.

"Wir können beschneien. Aber zaubern können wir nicht"

"Wenn ich sage, die Enttäuschung ist riesengroß, dann ist das noch untertrieben", sagt Fischer. Doch dieser schneearme, warme Winter hat selbst ihn und seine Helfer vom Skiclub Garmisch kleingekriegt. "Zu so einem frühen Zeitpunkt habe ich noch nie ein Rennen absagen müssen", sagt Fischer. Für seinen Verein als Ausrichter bedeutet der Ausfall von Abfahrt und Super-G der Frauen eine hohe finanzielle Belastung.

"Wir stornieren, was geht. Einen Teil tragen Versicherungen, der Rest bleibt hängen." Doch nicht nur ums Geld geht es Fischer. "Wir haben 400 ehrenamtliche Helfer, die haben alle Urlaub genommen, den sie nun nicht brauchen." Drei Tage hätten die Schneekanonen noch laufen müssen, dann hätte die weiße Unterlage für den Weltcup gereicht.

Die Schneesucher von der Zugspitze

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Der Herr über alle Kanonen in Garmisch-Partenkirchen ist Karl Dirnhofer. "Wir können beschneien, und wir können das sehr gut. Aber zaubern können wir nicht", sagt der Pistenchef der Bayerischen Zugspitzbahn (BZB). Gerade im unteren Bereich der Kandahar-Abfahrt fehle Schnee. "Wir haben ein Band auf der Piste mit etwa 25 Zentimetern, manchmal auch bloß 15." Für Touristen kein Problem, Rennläufer mit 120 Kilometern pro Stunde bräuchten mehr, besonders auch neben der Piste. "Auf den Seitenflächen und in den Sturzräumen, in denen die Sicherheitszäune und Fangnetze stehen, haben wir gar keinen Schnee", sagt Dirnhofer.

Der Weltcup muss also ausfallen, und das, obwohl Garmisch-Partenkirchen vor der alpinen Skiweltmeisterschaft 2011 viele Millionen Euro in eine der schlagkräftigsten Kunstschneeanlagen Mitteleuropas gesteckt hat. Umweltschützer wie Axel Doering, Kreis-Vorsitzender des Bund Naturschutz und einer der Köpfe im Widerstand gegen die inzwischen abgeblasene Olympiabewerbung für das Jahr 2022, sind nicht überrascht. "Hier ist überhaupt kein Schnee. Und die Wahrscheinlichkeit, hier keinen Schnee im Winter zu haben, steigt aufgrund des Klimawandels immer weiter." Man könne den Winter "nicht schrankenlos zurückkaufen". Im Hinblick auf die gescheiterten Olympia-Pläne sagt Doering: "2022 werden uns die Bewerber dankbar sein, dass wir sie gestoppt haben."

Für Doering zeigen sich am Beispiel Weltcup nur überspitzt die Verhältnisse, die künftig auch für den Skitourismus gelten werden. "Es wird immer wieder Winter mit viel Schnee geben. Aber viel öfter welche, in denen nur ein Zeitfenster bleibt, an dem es kalt genug für eine Beschneiung ist." Da auch diese Fenster immer weniger und kürzer würden, bräuchte es immer noch schlagkräftigere Schneekanonen, die immer teurer würden und noch mehr in die Umwelt eingriffen. "Das wird auf Dauer kein funktionierendes Geschäftsmodell sein", prophezeit Doering. Dass der klamme Ort "mit all seinem Geld, das er hat, in den schneegebundenen Wintertourismus einsteigt, das war eine Irrsinnsentscheidung".

Diese Entscheidung hat Bürgermeister Thomas Schmid (Christlich Soziales Bündnis) mit aller Verve durchgesetzt, und er ist heute noch davon überzeugt, dass es eine kluge war. Denn ohne die Schneekanonen und die neuen Lifte wäre Garmisch-Partenkirchen nicht mehr konkurrenzfähig im Wintertourismus gewesen. Die Absage des Weltcups sei bedauerlich, aber "gegen diesen unverhältnismäßig warmen Winter ist leider kein Kraut gewachsen", erklärt ein Gemeinde-Sprecher. Einen finanziellen Schaden erleide die Kommune nicht, im Gegenteil, sie müsse weniger Geld für die Pistenpräparation zuschießen. "Wie hoch der touristische Schaden ist, lässt sich derzeit nicht beziffern." Negativwerbung fürchtet man in Garmisch jedenfalls nicht. "Das Image allein auf die Weltcup-Veranstaltungen zu reduzieren, halten wir für etwas kurzsichtig."

Für die Garmischer ist die Absage besonders bitter, weil sie in eine Zeit innerörtlicher Harmonie fällt. Noch vor zwei Jahren stritten die Zugspitzbahn und der gesamte Rennsport so inbrünstig, dass der Deutsche Skiverband mit einem Entzug des Weltcups drohte. Nun lobt der Skiverband, dass alle Garmischer "sich extrem bemüht haben, es gibt keine Schuldzuweisung".

Organisator Peter Fischer sagt, dass nach dem "Familienkrach" die Kooperation so gut laufe wie nie zuvor. "Das hat sich komplett gedreht. Auch die Leute an der Basis sind mit viel Herzblut dabei." Anfang kommender Woche fällt die Entscheidung, ob Abfahrt und Riesenslalom der Männer am ersten Februarwochenende stattfinden.