Verfassungsschutz Traumjob Agent

Die Zentrale der Verschwiegenheit: Alle politischen Diskussionen über die Geheimdienste haben zumindest dem Ruf des Landesamtes für Verfassungsschutz als Arbeitgeber nicht geschadet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wie wird man Mitarbeiter beim Landesamt für Verfassungsschutz? Und wie gehen die Verfassungsschützer vor, etwa wenn sie 4000 Islamisten im Blick haben wollen? Ein Besuch.

Von Tahir Chaudhry

Der Mann stellt sich als "David Sturm" vor. Ein Deckname, in Wirklichkeit heißt er anders. Seine Figur wirkt stämmig, die Schultern sind breit. Der Blick wirkt cool, um nicht zu sagen: gleichgültig. Sein Gesicht ziert ein mächtiger schwarzer Bart, da könnten auch jene neidisch werden, mit denen er sich täglich beschäftigt. Was er genau macht? Woran er konkret arbeitet? Geheim. Nur so viel offenbart Sprecher Markus Schäfert: Sturm analysiert mithilfe von Computerspezialisten, Übersetzern und Vertrauenspersonen die Aktivitäten der islamistischen Szene in Bayern.

4340 Personen rechnet das Landesamt für Verfassungsschutz den islamistischen Vereinigungen in Bayern zu. Die Milli-Görüs-Bewegung und die Salafisten gehören zu den mitgliederstärksten Gruppen im Freistaat. Etwa 130 der hier lebenden Salafisten werden dem gewaltbereiten Spektrum zugeordnet. Vor allem auf sie haben es die Verfassungsschützer abgesehen. Doch was die 450 Mitarbeiter wie Sturm genau machen, wie sie vorgehen - davon dringt nur wenig nach draußen.

Deutsche Geheimdienste hatten ein Imageproblem

Ihren Sitz hat die Behörde im Münchner Norden an der Knorrstraße. Das Gebäude ist ebenso schmucklos wie die Umgebung. Eine Art Festung mit wuchtigen Mauern, Kameras und grimmig dreinblickenden Pförtnern. Wer hier rein will, muss erst einmal sein Handy abgeben.

Die Behörde will sich ausnahmsweise transparent zeigen und bittet zum Hintergrundgespräch. Die Teilnehmer: Sprecher Markus Schäfert, Verwaltungsleiter Oliver Bär und ein neuer Mitarbeiter der Öffentlichkeitsabteilung, Orkan Torun. Und David Sturm. Die deutschen Geheimdienste hatten in den vergangenen Jahren ein Imageproblem, es gab zu viele Pannen und Skandale. Die Mordserie der rechtsextremen NSU-Terroristen wurde von den Verfassungsschützern jahrelang fehlgedeutet. Enthüllungen von Whistleblower Edward Snowden schürten eine generelle Skepsis gegenüber den deutschen Geheimdiensten, weil sie allem Anschein nach Beihilfe zur Spionage des US-Geheimdiensts NSA leisteten. Und doch glaubt Sprecher Schäfert: Unterm Strich hätten die Skandale ihrer Behörde eher gut getan. Diese hätten nur noch mehr bewiesen, dass sich etwas in der öffentlichen Darstellung ändern müsse.

Zumindest als Arbeitgeber sind die Verfassungsschützer nach wie vor äußerst beliebt: Die Anzahl der Bewerbungen bewege sich in einem "mittleren dreistelligen Bereich", sagt Verwaltungsleiter Bär. Nicht wenige kämen mit dem Motiv, im Verborgenen für die gute Sache zu arbeiten. "Es gibt viele Bewerber, die angesichts der Herausforderungen nicht nur auf das Geld schauen, sondern etwas Sinnvolles tun wollen", sagt Bär.

Das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz ist kein Ausbildungsbetrieb, sondern ein großes Expertenteam von Quereinsteigern. Deshalb können die erforderlichen Bildungsprofile der Bewerber sehr unterschiedlich sein. Im Mitarbeiterstab trifft man etwa den Verwaltungsfachangestellten neben dem Pädagogen und Juristen über den Informatiker, Elektrotechniker bis hin zum Politikwissenschaftler und Islamwissenschaftler an. "Ein großer Teil unserer Mitarbeiter hat zuvor bei der Polizei gearbeitet. So kann gewährleistet werden, dass die Neueinsteiger in Sicherheitsfragen schon gut ausgebildet sind", sagt Bär.

Dass die Einstellungsmethode mitunter auch Risiken birgt, zeigt ein Vorfall, der erst vor einigen Wochen bekannt wurde: Einem 51-jährigen Islamisten war es gelungen, das Bundesamt für Verfassungsschutz zu infiltrieren, um einen Sprengstoffanschlag auf den Hauptsitz der Behörde zu planen. In einem Chat soll er sich einem vermeintlichen Gleichgesinnten zu erkennen gegeben und ihn über seine Pläne informiert haben. Was ihm zum Verhängnis wurde: Er wusste nicht, dass sein Chatpartner selbst ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes war.

Gottes Rädchen beim Verfassungsschutz

Ist der enttarnte Islamist ein Spinner oder Teil eines Plans, die Behörde zu infiltrieren? Sicher ist man sich dort nicht - aber überzeugt, bei dessen Einstellung keine Fehler gemacht zu haben. Von Hans Leyendecker, Georg Mascolo und Nicolas Richter mehr ...

Oliver Bär, der 1991 beim bayerischen Verfassungsschutz anfing, hat hier "keinen einzigen Fall dieser Art erlebt". Er glaubt, das liege an der ersten schwer zu überwindenden Hürde, der Sicherheitsüberprüfung, die jeder potenzielle Mitarbeiter durchlaufen müsse: Abfrage sämtlicher Dateisysteme, Tests und Befragungen. Auch Torun hat diese Prozedur über sich ergehen lassen müssen: "Meine Freunde und Bekannte wurden befragt. Ich habe selbst erlebt, dass man dafür keinen Aufwand scheut." Aber was ist, wenn sich ein Mitarbeiter erst später radikalisiert?