Tourismus Die ganze Welt will in Bayern Urlaub machen

Vom Bergtourismus profitiert im Freistaat bei Weitem nicht nur Oberbayern. In Schwaben sind besonders die Allgäuer Alpen ein zunehmend beliebtes Ausflugsziel für Bergfreunde. Dort gibt es auch noch recht abgeschiedene Ecken - zum Beispiel den Kleinen Roßzahn, für den es alpine Erfahrung braucht.

(Foto: imago/imagebroker)
  • 2018 könnte wieder ein Rekordjahr für den Tourismus in Bayern werden.
  • Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer hat in seinem Ministerium eine Tourismusabteilung gegründet.
  • Verbände wollen den Tourismus zur Pflichtaufgabe der Gemeinden machen.
Von Christian Rost, Augsburg, und Johann Osel, München/Augsburg

Schon jetzt im Mai sieht 2018 ziemlich nach Rekordjahr aus. Mit dem Tourismus in Bayern geht es erneut aufwärts. Am Montag hat das Landesamt für Statistik die Zahl der Übernachtungen im ersten Quartal vermeldet - 18,9 Millionen, 7,2 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahresquartal. Der Tourismus sei "wichtiger Wirtschaftsfaktor und Impulsgeber in allen Teilen Bayerns", jubelt Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer (CSU).

Zudem sei er ein Schlüssel, um in ganz Bayern gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen. Schon Pschierers Vorgängerin und Parteifreundin, Ilse Aigner, war da freilich erfolgsverwöhnt: 2017 hat Bayern zum sechsten Mal in Folge ein Rekordergebnis im Tourismus erzielt, Zuwächse in allen Bezirken. 94 Millionen Übernachtungen und 37 Millionen Gästeankünfte gab es vergangenes Jahr zwischen Königssee und Rhön, zwischen Bayerwald und Nördlinger Ries.

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Was man auch in der Staatskanzlei wohl gerne hört: Bayern ist wieder mal Nummer eins - beim Marktanteil. Jede fünfte Übernachtung bundesweit wurde 2017 in einem bayerischen Bett gebucht; alleine auf Oberbayern entfallen bereits zehn Prozent des deutschen Gästeaufkommens. Man werde die touristische Basisinfrastruktur in allen Landesteilen verbessern und die Grundlage für die Erneuerung schaffen, verspricht Pschierer, seit März im Amt. Er nennt sich in der Mitteilung zu den neuen Zahlen ausdrücklich "Tourismusminister", er wolle dem Politikbereich "einen höheren Stellenwert beimessen".

Dazu hat er in seinem Haus eine Tourismusabteilung gegründet. "Im Kern soll es darum gehen, den Tourismus zukunftsfähig und nachhaltig weiterzuentwickeln", sagt Pschierer auf SZ-Anfrage. Zwei neue Sonderprogramme gibt es jetzt, auch will er die Forschung neu aufstellen - für Nachhaltigkeitskonzepte oder Chancen der Digitalisierung. Natur und Lebensart in Bayern seien "Katalysatoren einer positiven Entwicklung der Branche", daher werde sich die Politik daran orientieren; weniger an "höher, schneller, weiter".

Genau das war zuletzt durchaus die Entwicklung. Nach oben ging die Nachfrage aus dem In- wie Ausland. 20 Prozent der Touristen kommen nicht aus Deutschland. Österreich und die Schweiz erreichen bei den Herkunftsländern nach den USA Rang zwei und drei. Dahinter: Niederlande, Italien, Großbritannien, China und die Arabischen Golfstaaten. Magneten sind München und Nürnberg, sie liegen 2017 mit 15,7 Millionen beziehungsweise 3,3 Millionen Übernachtungen als Destinationen vorne.

Aber etwa auch Würzburg konnte wiederholt die Übernachtungen steigern. Oder Augsburg. Für die Londoner Zeitung The Guardian war Augsburg 2017 der "Winning tip" unter deutschen Städten, die es zu bereisen lohnt. Von der Fuggerei und dem Brechthaus schwärmen die Autoren, von der alten Stadt, die ein herrlicher Ausgangspunkt für Radtouren oder "for a relaxed city break" sei. Und noch vom Essen: "hearty portions of knödel (dumplings) and spätzle (soft egg noodles)". Auch Augsburg verbuchte 2017 eine Bestmarke.

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Den Trend spüren übrigens in Schwaben landauf, landab Städte und Gemeinden. Vom Allgäu bis ins Ries stiegen die Übernachtungszahlen deutlich, in Nördlingen binnen eines Jahres gar um 30 000 auf zuletzt 115 000. Rekorde auch bei der Allgäuer Tourismus GmbH: fast 13 Millionen Übernachtungen 2017, das hat es nie zuvor gegeben.

Die Gründe für die Entwicklung? Da ist zum einen "die politische Situation in manchen Ländern", wie Simone Zehnpfennig von der Allgäu GmbH sagt, die so manchen deutschen Touristen verunsichere und lieber im eigenen Land Urlaub machen lasse. Doch auch intensives Marketing wirke sich aus, und die hohe Qualität der Angebote werde von Gästen geschätzt. Zehnpfenning nennt als Beispiel die Infrastruktur bei den Rad- und Wanderwegen im Allgäu, auf Wunsch mit Gepäckservice.

Infrastruktur, Service, Qualität - das kostet Geld. Neulich trugen der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband und der Bayerische Heilbäder-Verband (BHV) einige Wünsche vor: So solle im Kommunalrecht Tourismus als Pflichtaufgabe für Kommunen definiert werden. Besonders Gemeinden in strukturschwachen Regionen hätten kaum Spielraum, schon beim Unterhalt von Kurhäusern, hieß es. "Für Förderprogramme und Stabilisierungshilfen sind wir dankbar, aber das reicht auf Dauer nicht", so der Landtagsabgeordnete und BHV-Vorsitzende Klaus Holetschek (CSU).

Tourismus als Pflichtaufgabe der Gemeinden - im Wirtschaftsministerium hat man verfassungsrechtliche Bedenken. Der Heilbäderverband trifft sich zurzeit zu einer Tagung im Fichtelgebirge. Gesundheit ist touristisch relevant: Jede vierte Übernachtung findet in einem Heilbad oder Kurort statt. In der Liste der Top-Destinationen folgt hinter München und Nürnberg Bad Füssing. Das Ende klassischer Kuren seit den Neunzigerjahren treibt den BHV noch immer um.

Geschäftsführer Rudolf Weinberger erklärte jüngst in der Bayerischen Staatszeitung: "Früher war in vielen Bädern alles weiß gekachelt, es herrschte fast Schlachthausatmosphäre - aber das war den Leuten egal, weil es die Kassen bezahlt haben." Familien oder Wellness-Freunde, die auf eigene Kosten kommen, bleiben kürzer - und haben andere Ansprüche als "morgens Fango, abends Tango".

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