Schloss-Mythos Liegt ein Fluch auf Neuschwanstein?

Hoffotograf Joseph Albert hielt 1886, im Todesjahr Ludwigs II., die Baustelle im Schlosshof von Neuschwanstein fest, die Schauplatz eines neuen Romans ist.

(Foto: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Photothek)

Mysteriöse Unfälle, Suizide, Missgunst: In einem Buch verwebt der ehemalige Kastellan des Märchenschlosses die Skandale der vergangenen Jahre mit historischen Fakten aus der Zeit des Baus.

Von Hans Kratzer, Schwangau

Sogar ein strahlendes Touristenziel wie Schloss Neuschwanstein wirft gelegentlich dunkle Schatten. Markus Richter, der ehemalige Kastellan von Neuschwanstein, kennt die Abgründe, die sich in solch finsteren Zeiten auftun, nur allzu gut. Auch sein eigenes Leben hat hinter den behütenden Mauern von Neuschwanstein eine dramatische Wendung genommen. "Als ich dort gearbeitet habe, fragte ich mich oft, ob nicht tatsächlich etwas Ungutes auf diesem Ort lastet", sagt er bei einem Treffen weit abseits des Schlosses.

Überhaupt reift schnell der Gedanke, der Bauherr, Ludwig II., könnte sein persönliches Unglück zurückgelassen haben. Für den König, der hier am 12. Juni 1886 verhaftet wurde und einen Tag später im Starnberger See starb, bedeutete die in Neuschwanstein erklärte Entmündigung wohl eine Art Todesurteil, vermutet Richter. Zweifellos erlebte Ludwig II. auf Neuschwanstein seine bittersten Stunden. Ähnliches lässt sich auch über Richter sagen, der in Neuschwanstein in einen Skandal hineingezogen wurde, über den er heute sagt: "Das war die schlimmste Zeit meines Lebens."

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Um das dabei erlittene Trauma aufzuarbeiten, hat Richter einen Roman geschrieben, den der Verlag als Neuschwanstein-Thriller anpreist (Ins Herz, Edition Tingeltangel, 372 Seiten, 14,90 Euro). An Spannung gebricht es dem Buch keineswegs. Richter hat die Geschichte zeitlich in die unruhige Zeit des Schlossbaus vor gut 130 Jahren verlegt, wobei die Handlung stark von seinen Erlebnissen als Kastellan inspiriert ist.

Den Ausgangspunkt des Romans bildet eine Randnotiz in der Chronik des Schwangauer Dorflehrers Alois Left. Am 23. April 1875 hat er dort ein tragisches Geschehen vermerkt, das bei näherer Betrachtung ein Geheimnis offenbart, das nie gelüftet wurde. Der Eintrag lautet: "Heute früh 6 Uhr hat sich der Bauführer am kgl Burgbau zu Hohenschwangau, Herr Herold, durch einen Schuss in das Herz das Leben genommen. Derselbe litt an Geisteszerrüttung."

"Was mich wundert", sagt Richter, "es hat ja auf dieser Baustelle sehr viele Unglücksfälle gegeben, und sie wurden immer detailliert dokumentiert." Ausgerechnet über den Tod des Bauführers Herold existiert aber nur diese Notiz. "Da stimmt etwas nicht", schlussfolgert Richter. Auf eine heiße Spur stieß er freilich nicht, weshalb er der Geschichte einen eigenen Dreh verpasste. Den Selbstmord des Bauführers machte er zum Ausgangspunkt einer Verschwörung rund um den Schlossbau, das Ergebnis ist eine Melange aus historischen Fakten, Fantasie und jenem realen Eklat, der im Jahr 2012 zum Ausbruch kam.

"Es war eine schlimme Zeit"

Den Angestellten im Schloss wird oft attestiert, sie hätten einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt. Das verhinderte allerdings nicht, dass es unter Schlossführern, Handwerkern und Bürokräften zu Spannungen, Kabale und Missgunst kam. Die Staatsanwaltschaft Kempten ermittelte gegen mehrere Mitarbeiter wegen des Vorwurfs des Diebstahls und der Falschabrechnung von Führungen.

Auch der Kastellan Markus Richter wurde verdächtigt. "Es war eine schlimme Zeit", sagt er, "ich geriet mental an meine Grenzen." Vor Gericht wurde er aber in allen Punkten freigesprochen. Ein Schuldiger an dem sich über Jahre hinziehenden Desaster ist seiner Meinung nach nicht zu benennen. "Ich habe sicher auch einen Teil dazu beigetragen." Letztlich macht er auch den Ansturm der Touristen und den damit verbundenen Stress dafür verantwortlich, dass die Dinge dermaßen entgleiten konnten.

Neuschwanstein bedeute für das Personal puren Stress, sagt er. Täglich ein Massenansturm von 8000 Besuchern, zusammengezwängte Gruppen in kleinen Räumen, zehn Führungen am Tag, Zeitdruck, unzufriedene Kundschaft - "das macht was mit einem." Es gab Handgreiflichkeiten, Reiseleiter gingen aufeinander los. "Dabei war ich doch stolz, das Schloss und die Aussicht herzeigen zu dürfen." Auch das Gebäude litt unübersehbar unter diesen Chaos, das erst durch eine neue Struktur des Führungsbetriebs verbessert wurde.

Der zweite Roman ist schon in Arbeit

Die Magie des Schlosses und die Geschichte Ludwigs II. übten auf ihn eine solche Faszination aus, dass die reale Welt phasenweise in weite Ferne rückte, wie er zugibt. Als Kastellan war Richter zuständig für alle Belange des täglichen Schlossbetriebs. Er kennt deshalb viele unbekannte Seiten des Schlosses, die er nun im Roman aufscheinen lässt, und natürlich hat er auch das alte Gerücht in die Geschichte verwoben, es habe bereits heimliche Führungen durch die Gemächer gegeben, als Ludwig II. noch lebte. Der Bau des Schlosses war ein oft schmerzlicher Prozess, es gab Intrigen, Streit und Baustopps, deretwegen die Arbeiter monatelang nichts verdienten.

Und die Unglücksfälle rissen niemals ab. Zimmerleute stürzten vom Dach, ein Steinmetz lag zerschmettert in der Schlucht, einer starb bei einem Felsrutsch. 1953 wurde der Schlossverwalter von einem Baum erschlagen, Mitte der 60er-Jahre erschoss sich sein Nachfolger. Seine Frau hinterließ in einem Wandschrank einen Fluch: Alle möchten hier so unglücklich werden wie sie. Dazu die Todessprünge verzweifelter Menschen von der Marienbrücke. All das erweckt den Anschein, als laste auf Neuschwanstein ein Fluch.

Markus Richter konnte trotz seines Freispruchs jahrelang nicht mehr arbeiten und verließ Neuschwanstein. Heute arbeitet er in einer öffentlichen Verwaltung. Nach Neuschwanstein wird er nicht mehr zurückkehren, auch nicht als Besucher. "Ich gewann Abstand, aber zugleich eine neue Sicht auf das Bauwerk und seinen Bauherrn." Deshalb arbeitet Richter bereits an einem zweiten Roman, die Geschichte von Neuschwanstein ist noch lange nicht auserzählt.

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