Prozess in Nürnberg Wegen versuchten Totschlags an fünf Polizisten

Er soll Beamte bei einer Anti-Nazi-Demo im März mit einer angespitzten Fahnenstange attackiert haben: Ein 19-Jähriger steht nun in Nürnberg vor Gericht. Doch die Videoaufnahmen klären wenig, die Beweislage ist dürftig.

Deniz ist nicht alleine gekommen. Vor dem Gerichtsgebäude stehen seine Unterstützer und fordern Freiheit für ihn und alle politischen Gefangenen. Im Saal sitzen Sympathisanten und lassen wenig Zweifel daran, dass sie von der bayerischen Polizei nicht viel halten. Und auf der Anklagebank sitzt der 19-Jährige, der an dem ganzen Spektakel sichtlich Gefallen findet, und grinst ins Publikum.

Die Anklage gegen ihn ist schwerwiegend: Fünffacher versuchter Totschlag wird Deniz von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, bei einer Demonstration in Nürnberg soll er mit einer angespitzten Fahnenstange auf Polizisten losgegangen sein und einen Beamten leicht verletzt haben. Seit einem halben Jahr sitzt er dafür in Untersuchungshaft, zum Prozessauftakt am Dienstag vor der Jugendkammer des Landgerichts will er nichts sagen.

Seine Anwälte geben sich dagegen zuversichtlich. Erst einmal müsse nachgewiesen werden, dass der Teilnehmer der Demonstration im Frühjahr, die das Antifaschistische Aktionsbündnis gegen Nazis und den Verfassungsschutz veranstaltete, tatsächlich der junge Mann aus Baden-Württemberg gewesen sei. Und der Vorwurf des versuchten Totschlags gegen seinen Mandanten sei grotesk, sagte Rechtsanwalt Inigo Schmitt-Reinholtz, "da wurde gegenseitig aufeinander eingeschlagen."

Als ein Polizist die Videos und Fotos vorführt, die zeigen sollen, dass der 19-Jährige auf die Polizeibeamten eingestochen hat, wird klar, woher der Optimismus der Anwälte rührt. Auf den Filmen sind Ausschreitungen zu sehen. Als einige Demonstranten über ein Absperrgitter klettern wollten, drängten die Beamten die zumeist schwarz gekleideten Teilnehmer zurück und es kam zum Gerangel. Es ging aggressiv zu, und deutlich ist die Fahnenstange zu erkennen, die jemand in Richtung Polizei stößt. Wer das aber ist und ob er jemanden erwischt, das lässt sich schwer sagen.

Ein zweiter Zusammenprall ist zu sehen, bei dem die Polizisten die Demonstranten mit Schlagstöcken zurückdrängen. Die schlagen ebenfalls, aber wieder wird nicht deutlich, wer genau wen trifft. Es gibt allerdings auch Fotos, auf denen der Angeklagte gut zu erkennen ist. Da hat er eine Fahnenstange in der Hand und trägt sie wie eine Lanze. Nur - man sieht nicht, ob er jemanden getroffen hat.

Das sollen die Zeugen klären. In Schlagschutz und Helm, zur Illustration, erscheint ein 44-jähriger Polizist, der sich den Demonstranten in der Nähe des Nürnberger Hauptbahnhofs entgegenstellen musste. Ihn habe etwas am Hals getroffen, sagt er, und danach habe er auch die angespitzte Fahnenstange gesehen. Passiert ist ihm kaum etwas, eine leichte Schürfwunde am Hals, und wer es gewesen ist, das habe er nicht erkennen können. "Ich habe kein Gesicht mehr vor Augen", sagt er.

Sie habe beobachtet, wie ihr Kollege attackiert wurde, sagt eine 26-jährige Polizistin aus, und danach habe sie selbst vier, fünf, sechs Stiche abbekommen. Helm und Brustpanzer hätten sie vor Verletzungen geschützt. Aber auch sie kann niemanden identifizieren, den Angeklagten erkennt sie nicht. Sie kann sich nur an ein längliches Gesicht und an dunkle Augenbrauen erinnern. Zwei Polizisten sagen schließlich, dass es der Angeklagte gewesen sein müsse, der sie mit der Stange attackiert habe. Am "stechenden Blick und der Hakennase" habe ihn der eine wiedererkannt. Auch der zweite nennt Augen- und Nasenpartie

Bei der Demonstration am 31.März waren etwa 500 Menschen, darunter auch Teilnehmer aus der autonomen Szene, aus Protest gegen Rechtsextremismus durch Nürnberg gezogen. Weil sie ihre ursprüngliche geplante Route auf Anweisung der Stadt hatten ändern müssen, versuchten einige Demonstranten, die Strecke zu verlassen. Dabei kam es zu den Zusammenstößen mit der Polizei. Deniz wurde wenige Wochen später bei einer Demonstration in Baden-Württemberg festgenommen. In Nürnberg gab es daraufhin eine Demonstration für seine Freilassung. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.