Protest in Ochsenfurt "Wer sich mitschämen will, bitte: sehr gerne"

Jürgen Schuhmann will Haltung zeigen und das öffentlich.

(Foto: privat)

694 von etwa 12 000 Menschen haben in Ochsenfurt die AfD gewählt. Jürgen Schuhmann ist entsetzt - und protestiert deswegen vor dem Rathaus. Mindestens bis Weihnachten.

Interview von Olaf Przybilla, Ochsenfurt

Jürgen Schuhmann, 70, war Ingenieur, seit sechs Jahren ist er Rentner. Am Montag wird er sich zum vierten Mal vors Rathaus im fränkischen Städtchen Ochsenfurt stellen, in der Hand eine Pappe. Schuhmann teilt darauf mit, dass er sich schämt für das Wahlergebnis der AfD.

SZ: Herr Schuhmann, wie kommt man auf so was?

Jürgen Schuhmann: Das war spontan. Ich schlage am Tag nach der Bundestagswahl die Zeitung auf und sehe diese Zahl. 694 AfD-Wähler in unserer Kleinstadt. Da hab' ich mir gedacht: So, jetzt reicht's.

Und dann?

Bin ich in den Keller, hab' geschaut, was die größte Pappe ist, und habe mich abends auf den Marktplatz gestellt. Ich hätte das nicht ausgehalten, ich wär sonst geplatzt. Ich dachte mir: Du muss jetzt was tun.

Was treibt Sie um?

Wissen Sie, ich hab mich lange mit dem sogenannten Dritten Reich beschäftigt. Ich habe nie verstanden, wie es so weit kommen konnte, und versteh's bis heute nicht richtig. Was mich so umtreibt, ist das, was man jetzt zu hören bekommt: Völkisch-rassistische Parolen und die Art, einen Feind zu suchen. Jemanden, dem man die Schuld geben kann. Da sehe ich schon historische Parallelitäten, die mich erschrecken.

"Die Blaue Partei" soll offenbar Petrys neue Heimat werden

Die Partei wurde noch vor der Bundestagswahl angemeldet. Der Name der ehemaligen AfD-Vorsitzenden taucht in den Unterlagen allerdings nicht auf. Von Jens Schneider mehr ...

Parallelitäten zur AfD?

Es ist klar: Wenn man die gesamte AfD betrachtet, dann ist das kein Nazi-Verein. Genauso klar aber ist: Es gibt Tendenzen, da muss man sagen, stopp, so geht das nicht.

Ochsenfurt wirkt eher nicht wie ein abgehängter Ort von Verlierern.

Das ist genau der Punkt, den ich nicht verstehen kann. Dieses ewige Gejammer! Das ist doch grotesk: Hier gibt es eine Arbeitslosenquote von vier Prozent, im Grunde supergut. Ochsenfurt liegt mitten in einer traumhaften Landschaft mit fantastischem Umfeld zum Leben. Ich sage immer: Wir leben hier eigentlich im Paradies.

Großes Wort.

Schauen Sie: Das Preis-Leistungs-Verhältnis in Mainfranken ist ein Traum. Es stimmt einfach alles: Ich bin in ein paar Minuten im Weinberg. Ich kann im nächsten Ort in die Dorfkneipe gehen und wunderbar und extrem günstig essen. Ich bin in ein paar Minuten mit der Bahn in der Universitätsstadt Würzburg. Wo kommt denn da der Missmut her, dieses Schlechtreden?

Wird wohl nicht allen so gut gehen.

Natürlich gibt es in jeder Gesellschaft Menschen am unteren Ende, die zu kämpfen haben. Mein Problem ist: Ich darf nicht immer andere verantwortlich machen für mein Schicksal. Wissen Sie, ich bin im Leben tief gefallen, ich hab' richtig auf die Schnauze bekommen. Habe mein Haus verloren und vieles mehr. Da stelle ich mich aber nicht hin und sage: Mir hat da einer was weggenommen. Ich muss schon selbst sehen, wie ich im Leben zurechtkomme. Anderen immer die Schuld zu geben und das als Partei zum Prinzip zu machen - das finde ich menschenunwürdig. Da kommt es mir hoch, da wird mir Angst dabei.

Sind Sie denn vollends zufrieden?

Ach, natürlich nicht. Vieles, was die große Koalition gemacht hat, kann man kritisieren. Aber doch nicht mit billigem Protest-Gehabe. Und wenn es nur die Schwächsten wären, die ihrer Kritik mit einem Kreuzchen Ausdruck verleihen wollen. Aber in Ochsenfurt waren es ja zehn Prozent!

Wie fühlt sich das an so mit dem Schild auf dem Marktplatz?

Ganz ehrlich, ich war anfangs schon nervös. Aber dann kamen gleich drei junge Frauen mit Migrationshintergrund vorbei. Die sehen das, drehen sich um. Sagt die erste: Ich schäm' mich auch. Dann sagt's die zweite, darauf die dritte. Da habe ich geantwortet: Schön, dann sind wir schon vier.

Kommt auch Kritik?

Na und wie! Der Klassiker ist: Da muss man doch jetzt erst mal abwarten, wie sich diese AfD entwickelt. Verzeihung, das ist mir doch wurscht, wie die sich entwickelt! Ich finde das ganz grundsätzlich nicht in Ordnung. Anfeindungen kommen natürlich auch, erst vor zehn Minuten. Das volle Programm: Affe, du blöder Hund, Vollidiot. Ich habe am Telefon darum gebeten: Jetzt sagen Sie mir doch mal, was Sie an der AfD gut finden. Da hat er aufgelegt.

Wie lange wollen Sie sich noch auf den Marktplatz stellen, immer am Montag?

Bis Weihnachten.

Womöglich weitet sich das ja aus zur Ochsenfurter Montagsdemonstration.

Wer weiß? Beim zweiten Mal haben sich schon 15 Leute spontan dazugestellt. Aber das soll keine Bewegung werden. Ich rufe niemanden zu irgendwas auf. Für mich ist nur eines wichtig: Ich, Jürgen Schuhmann, stelle mich da hin mit meinem Schild. Weil ich mich schäme. Wer sich mitschämen will, bitte: sehr gerne. Das ist aber nicht das Ziel.

#87Prozent - Hashtag-Protest gegen die AfD

Gegner der Nationalisten versuchen, dem Abend etwas Gutes abzugewinnen, in Berlin hat die Wahlleitung Computerprobleme und Frauke Petry tut, als würde sie Gandhi zitieren. Digitales und Netz-Fundstücke zur Wahl. Von Jannis Brühl und Hakan Tanriverdi mehr...