Passau Bischof spricht über Pornokonsum von Priester

Passaus Bischof Stefan Oster breitete in der Kirche die mutmaßlichen Gründe für die Selbsttötung eines Pfarrers aus. Das stößt auch auf Unverständnis.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Nach dem Suizid eines Priesters breitet der Passauer Bischof Stefan Oster in der Trauerrede intime Details aus. Darf er das?

Von Andreas Glas, Passau

Wenn sich ein Pfarrer Pornofilme anschaut, schafft er es nach Vorstellung der Katholischen Kirche möglicherweise nicht in den Himmel, dafür aber in die Bild-Zeitung. Das ist polemisch formuliert, beschreibt im Kern aber ganz gut, worum es im Fall Josef S. geht. Vor acht Tagen hat der Passauer Pfarrer Suizid begangen, aber Schlagzeilen hat der Fall erst gemacht, als am Montag öffentlich wurde, was Josef S. so verzweifeln ließ.

Die Details hat ausgerechnet der Passauer Bischof Stefan Oster bei der Trauerfeier in Grattersdorf im Landkreis Deggendorf verraten. In Briefen habe Josef S. geschrieben, "im Internet immer intensiver Bilder und Filme gesucht zu haben, die seinem priesterlichen Gelübde der Keuschheit deutlich widersprechen", sagte Oster laut Redemanuskript und sprach in diesem Zusammenhang von einer "sehr großen moralischen Schuld", der sich der Pfarrer bewusst gewesen sei. Die Bild-Zeitung titelte daraufhin: "Suizid im Bistum Passau - Pfarrer verzweifelte an Verlangen nach Pornos."

Warum der Bischof drüber sprach

Es hat für Aufsehen gesorgt, dass der Bischof in aller Öffentlichkeit über intime Details aus dem Privatleben eines toten Pfarrers spricht - und das auch noch bei der Trauerfeier. Tut man so etwas? Der Bischof findet: Ja, weil es der ausdrückliche Wunsch des Toten gewesen sei, er habe ihm das in Abschiedsbriefen mitgeteilt. "Er wollte, dass die Dinge auch öffentlich werden, als eine Art öffentliches Schuldeingeständnis", heißt es in Osters Manuskript. In seiner Predigt sagte er aber auch, dass Josef S. "psychische Probleme" gehabt habe - und warf damit die Frage in den Raum, ob ein psychisch kranker Mann überhaupt beurteilen kann, was er will.

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In Kirchenkreisen heißt es, die Offenheit des Bischofs habe vor allem einen Grund gehabt: Er wollte Spekulationen über die Gründe für Josef S.'s Suizid zuvorkommen. "So gibt es kein großes Gerede, weil sowieso alles offen liegt", sagt ein Pfarrer aus dem Bistum Passau. Seinen Namen will der Pfarrer nicht in der Zeitung lesen, aber reden will er schon, denn er möchte seinen Ärger loswerden. Den Ärger über Bischof Oster, der in Bezug auf den Pornokonsum nicht nur von moralischer Schuld des toten Pfarrers gesprochen hat, sondern auch davon, "dass wir trotz allem nicht von der Hoffnung lassen wollen, dass auch er von unserem barmherzigen Gott in sein Reich geholt wird".

Wie Priester-Kollegen reagierten

Diese Aussage sei "absolut nicht nachvollziehbar", sagt der Passauer Pfarrer. Es sei zwar "kein Geheimnis, dass unser Bischof ein besonders konservativer ist", aber darüber zu spekulieren, dass einer nicht in den Himmel komme, weil er Pornos geschaut habe - "das ist eine Haltung, die ich überhaupt nicht verstehen kann" und die "in keiner Weise" der Lehre der katholischen Kirche entspreche.

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Ein anderer Pfarrer aus dem Bistum sieht die Predigt des Passauer Bischofs vor allem als verpasste Chance. Der Fall Josef S. "würde sich durchaus anbieten, um endlich offener und ehrlicher über den Zölibat zu reden", sagt Andreas Artinger, Pfarrer in Regen. Er gehört zu denjenigen im Bistum, die eine offenere Auslegung des Keuschheitsgebots fordern. Artinger findet, dass jedem Pfarrer freistehen sollte, ob er keusch leben möchte oder nicht. Mit dieser Haltung steht er im Widerspruch zu Bischof Stefan Oster - und ist schon mal ziemlich angeeckt.

Vor drei Jahren hatte Artinger sein Verhältnis zu einer Pfarreimitarbeiterin in Ruhstorf öffentlich gemacht. Er weiß, wie es sich anfühlt, "dieses Alleinsein, diese Sehnsucht nach Sexualität" und er glaubt, dass der Suizid des Passauer Pfarrers "zumindest indirekt zusammenhängt" mit der Strenge der Kirche in Sachen Zölibat. Artinger sagt, dass Sexualität für die Kirche noch immer ein Tabu-Thema sei "und dass wir ehrlicher damit umgehen müssen", um die inneren Konflikte mancher Pfarrer aufzulösen.

Dass Oster den Fall Josef S. als Anlass nehmen wird, um den Zölibat infrage zu stellen, ist nicht zu erwarten. In der Totenpredigt beschäftigte ihn die Frage, "wie es sein kann, dass sich ausgerechnet ein so gläubiger Priester das Leben nehmen kann".

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