Nazi-Größen in Dietramszell Ehre den Ehrlosen

Stammgast in der Sommerfrische: An den Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten Paul von Hindenburg erinnert in Dietramszell eine Büste.

Ehrenbürger Hitler und Hindenburg: Die oberbayerische Gemeinde Dietramszell verweigert eine Distanzierung von den Nazi-Größen. Die Bürgermeisterin hatte mit ihrem Antrag ein Zeichen der Mahnung und Erinnerung setzen wollen.

Von Petra Schneider

Die Räte im oberbayerischen Dietramszell haben ihre Gemeinde mit einer Entscheidung ins Zwielicht gerückt: Am Dienstag lehnten sie es in einer Sitzung ab, sich von der Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers und Paul von Hindenburgs zu distanzieren. Man könne doch nicht die Geschichte umschreiben, hieß es zur Begründung.

Die Zeitumstände müssten berücksichtigt und eine Verurteilung damaliger Gemeinderäte vermieden werden. "Uraltgeschichten" seien das, mit denen man heute doch kein Zeichen mehr setzen könne.

Die Leute waren stolz

Dass sowohl Hindenburg als auch Hitler Ehrenbürger der Gemeinde sind, war erst kürzlich wieder entdeckt worden. Dem Tölzer Archivar Sebastian Lindmeyr war zufällig ein Zeitungsartikel vom 14. September 1926 in die Hände gefallen, in dem ausführlich über die pompöse Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Paul von Hindenburg in Dietramszell berichtet wurde. Zehn Jahre lang hatte der Generalfeldmarschall und spätere Reichspräsident seine Sommerfrische bei der Dietramszeller Adelsfamilie von Schilcher verbracht.

"Die Leute waren stolz darauf, dass ein so wichtiger Staatsmann bei ihnen Urlaub gemacht hat", sagt Gemeindearchivarin Agnes Wagner. Bei den Nachforschungen stieß sie dann auf einen weiteren Fund: Das Protokoll einer Gemeinderatssitzung vom 17. März 1933 belegt, dass auch Adolf Hitler Ehrenbürger der Gemeinde war.

Bürgermeisterin Leni Gröbmaier (Bürgerliste) lud daraufhin zu einer Gesprächsrunde, um zu beraten, wie mit der Last weiter umgegangen werden solle. Auch über die Hindenburg-Büste an der Außenmauer des Dietramszeller Klosters wurde dabei gesprochen. Das Kloster, das heute die Montessori-Schule beherbergt, ist im Besitz der Salesianerinnen, die es samt Büste von der Familie von Schilcher gekauft hatten.

Infotafel neben der Büste

Man einigte sich darauf, eine Infotafel über Hindenburg anzubringen, dessen Rolle als Wegbereiter Hitlers in der neueren Forschung immer kritischer gesehen wird. Über das weitere Vorgehen in Bezug auf die Ehrenbürgerwürde stimmte sich Gröbmaier mit ihrem Münsinger Amtskollegen Michael Grasl (Freie Wähler) ab.

Im 30 Kilometer entfernten Münsing waren ebenfalls Dokumente zu den Ehrenbürgern Hindenburg, Hitler sowie zum Reichsstatthalter in Bayern, Franz Ritter von Epp, gefunden worden. Weil die Ehrenbürgerwürde laut Bayerischer Gemeindeordnung mit deren Tod automatisch erlischt, wäre eine formale Aberkennung nicht nötig gewesen.

Grasl und Gröbmaier einigten sich auf eine allgemeinere Formulierung, die sie ihren Gemeinderäten vorlegten. Darin heißt es, dass man sich von den Beschlüssen zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Politiker des Dritten Reichs distanziere. Damit solle "ein Zeichen der Mahnung und Erinnerung gesetzt werden." In Münsing stimmten in der vergangenen Woche alle Gemeinderäte dieser Vorlage zu.

Kritische Stimmen gab es nicht

In Dietramszell jedoch fand sich Dienstag mit acht zu acht Stimmen keine Mehrheit. Kritische Stimmen gab es ebenso wenig wie eine Diskussion, der ablehnende Beschluss wurde widerspruchslos akzeptiert. Warum das Thema überhaupt im Gemeinderat auf die Tagesordnung kam, leuchtete nicht allen ein.

Bürgermeisterin Leni Gröbmaier stellte klar, dass man frühere Gemeinderäte keinesfalls verurteilen wolle. Auch andere Kommunen in der Region hätten sich in jüngster Zeit mit dem Thema beschäftigt, sagte sie. Allerdings mit anderem Ergebnis: Wie Münsing haben auch Bad Tölz und Schäftlarn Nazi-Funktionären die Ehrenbürgerwürde entzogen oder sich von entsprechenden Gemeinderatsbeschlüssen distanziert.