Landschaftszerstörung Niederbayerische Betonwelt

Eine Baustelle an der A92 in Niederbayern.

(Foto: Sebastian Beck)

Der Raum Deggendorf ist ein Beispiel dafür, wie rücksichtslos Landschaft verschandelt wird. Und es kommt noch schlimmer.

Von Hans Kratzer, Deggendorf

An die Südseite des Bayerischen Waldes streckt sich eine Landschaft hin, die den rustikalen Namen Gäuboden trägt. Früher eilte dieser Gegend ein sagenhafter Ruf voraus. Mitsamt ihrem Zentrum Straubing war sie so reich, dass die arme Bevölkerung aus dem Böhmerwald ebendort das Paradies verortete, und zwar in jeder Hinsicht: "Oh mei", seufzten die armen Waldler, "die Straubinger hamm so einen schönen Mondschein, bloß wir hamm einen schiefen."

Der Reichtum der Gäubodenbauern speiste sich freilich weniger aus dem Glanz des Mondes als vielmehr aus den Erträgen der fruchtbaren Lößböden. Gegen diese Kornkammer konnte das übrige Niederbayern nicht anstinken, weshalb es bis in die 60er Jahre hinein als das "Armenhaus Bayerns" galt. Die wirtschaftliche Situation in Ostbayern war tatsächlich desolat. Nicht umsonst hatten die miserablen Lebensbedingungen viele Bürger zur Auswanderung nach München oder nach Amerika gezwungen.

Auch heute kehren manche Bayerwäldler ihrer Heimat den Rücken, meistens aus beruflichen Gründen. Aber in die Ferne ziehen sie nicht mehr unbedingt. Sie verlegen ihren Wohnsitz einfach einige Dutzend Kilometer nach Süden, vor allem in die boomende Gegend rund um Deggendorf, die durch die Autobahnen A 92 und A 3, durch die Donau sowie durch den Eisenbahnknoten Plattling mittlerweile weitaus besser erschlossen ist als viele andere Regionen in Bayern. Zentralstädte wie Regensburg, Passau, Linz und München mitsamt Flughafen sind nun nah herangerückt. Im Raum Deggendorf bündeln sich die Verkehrsströme wie in einem Umspannwerk, bevor sie in alle Himmelsrichtungen weitergelenkt werden.

Willkommen im Nichts

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"Gewerbegebiete werden selten dort errichtet, wo sie städtebaulich sinnvoll wären. Sondern dort, wo die günstigste Fläche ist."

Entlang der Autobahnen pulsiert die Dynamik dieser Region besonders stark. Die Landschaften links und rechts der A 3 (Regensburg-Passau) sowie der A 92 (München-Deggendorf) ändern in einer geradezu atemberaubenden Geschwindigkeit ihr Gesicht. Zu den Gemeinden, die von der A 92 durchschnitten werden, gehört der am nordöstlichen Rand des Landkreises Dingolfing-Landau gelegene Markt Wallersdorf, der gut 7000 Einwohner zählt. Auf den Flächen zwischen der Autobahn und der Bahnlinie Landshut-Plattling ragen seit einigen Wochen riesige Betonwände aus der Erde, denen man täglich beim Wachsen zuschauen kann.

Auf einer Fläche von 42 Hektar entsteht hier ein Logistikzentrum des Autokonzerns BMW, der das ökonomische Herz Niederbayerns bildet. Die wohl wichtigste Entscheidung für den Aufschwung der Region war zweifellos der Ausbau des BMW-Werks in Dingolfing in den Siebzigerjahren, heute sind dort fast 20 000 Menschen beschäftigt. Die Arbeitslosenquote in der Region liegt bei zweieinhalb Prozent, sie ist wirtschaftlich in die Top Ten in Europa gerutscht, was auch mit dem Ausbau der Straßen und der Hochschulen zu tun hat.

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Für die Gemeinde Wallersdorf ist der Bau des Logistikzentrums der größte Coup ihrer Geschichte. 2000 Arbeitsplätze werden hier entstehen, täglich werden 700 Lkw die riesigen Hallen verlassen. Viele Gemeinden hatten sich für diese Mega-Ansiedlung beworben. "Die Arbeitsplätze sind das A und das O", sagt der Wallersdorfer Kämmerer Theo Eglseder. Natürlich schwingt auch die Hoffnung auf einen Anteil an der Gewerbesteuer mit. Selbst das Haus von Thurn und Taxis hatte sich um das BMW-Logistikzentrum bemüht, es konnte aber in Regensburg nicht schnell genug Bauland bereitstellen.

Die an Autobahnen angrenzenden Kommunen spielen wirtschaftlich mittlerweile in einer Liga, von der sie früher nur träumen konnten. 2o0 Millionen Euro investiert die Firma Dibag Industriebau auf den Wallersdorfer Äckern, BMW wird die Hallen später anmieten. Zum Vergleich: Der Wallersdorfer Haushalt beläuft sich gerade einmal auf 15 Millionen Euro. Entlang der A 92 macht sich eine Goldgräberstimmung breit, fast wie an der A 9, wo ein Gewerbegebiet nach dem anderen aus dem Boden sprießt. Hier wie dort weicht die alte Sakrallandschaft mit brutaler Wucht einer Betonwelt. Die Feldkreuze auf den Wallersdorfer Fluren wirken plötzlich wie ein Anachronismus.