Daberg im Bayerischen Wald Das Wirtshaus am Ende der Welt

Leben und arbeiten am Ende der Welt: Wirtin Josefa Singer in Daberg.

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Kurz bevor Bayern aufhört, da hat Wirtin Josefa Singer ihr Wirtshaus im Bayerischen Wald. Wer bei ihr aus dem Hinterausgang geht, ist schon in Tschechien. Trotz der Einsamkeit war Wirtin Josefa Singer lange die beste Informationsquelle für Grenzgänger.

Von Hans Kratzer, Daberg

Vor vielen Jahrzehnten hat die Berliner Illustrierte Zeitung den Bayerischen Wald als "das deutsche Sibirien" tituliert. Wer an einem verregneten Herbsttag die Stadt Furth im Wald hinter sich lässt und unbeirrt in Richtung Daberg weiterfährt, also quasi in den hintersten Zipfel von Bayern, der beginnt den Spott der Berliner Schreiberlinge zu verstehen.

Immer einsamer wird es nun, immer finsterer kommen einem die Waldbuckel vor, immer schmäler werden die Straßen. Bis es plötzlich nicht mehr weitergeht, weil ein Wirtshaus im Weg steht. Unweigerlich beschleicht den Besucher das Gefühl, dass er jetzt am Ende der Welt angekommen sei.

Freilich, ein Wirtshaus ist immer ein Zeichen der Hoffnung, erst recht, wenn auf seinem Schild der gemütliche Name Bayerisch Häusl zu lesen ist. Es ist eine bayerische Wirtschaft, das muss hier durchaus betont werden, denn am Hinterausgang verläuft die Grenze nach Tschechien. Früher wurde sie Eiserner Vorhang genannt, weil sie die Welt bis 1989 in die verfeindeten Blöcke West und Ost geteilt hat.

1802 wurde das Bayerisch Häusl erstmals erwähnt

Das Bayerisch Häusl ist also ein altes Grenzwirtshaus, schon 1802 wird es in den Annalen erwähnt. Sofort erwachen hier Erinnerungen an den Schriftsteller Joseph Roth, der solche Häuser in seinen Romanen beschrieben hat, besonders solche in den hintersten Wäldern des Habsburgerreichs, zu dem auch jenes geschichtsschwere Böhmen gehört hat, das direkt ans Bayerisch Häusl angrenzt.

Die Wirtin Josefa Singer sitzt allein in ihrer Kuchl, die seit Generationen von einem dunkel gemaserten Büfettkasten dominiert wird. An der Wand das obligatorische Kruzifix sowie Rehgwichtln, und darunter die lang gezogene Eckbank mit dem schlanken Tisch, an dem die Stammgäste am liebsten sitzen. Draußen in der Gaststube ist es ungemütlich um diese Jahreszeit. Eingeheizt wird nur in der Stube, "in da Stuum", wie Josefa Singer sagt. Wär ja auch umsonst, sie lebt die meiste Zeit alleine hier. Nur die 92-jährige, pflegebedürftige Mutter ist noch da.

Schwergewichtig drücken die Regenwolken auf das abgelegene Anwesen, mitten am Vormittag ist es in der Stube so finster, dass es fast unheimlich wirkt. Die Stille wird nur vom Takt des alten Regulators gestört und vom Schnurren einer schläfrigen Katze. Vor der Haustür scharren ein paar Hühner im Matsch.

"Kaam neamand, waars mir zu einsam"

Josefa Singer ist an die Abgeschiedenheit gewöhnt. Aber Gäste sind immer willkommen. "Kaam neamand, waars mir zu einsam, i bi scho Menschen gweed", sagt sie in ihrem geschliffenen Waldleridiom. Sie sei an Menschen gewöhnt, sagt sie, obwohl weit und breit niemand zu sehen ist. Rundherum nur Äcker und Wiesen, hinterm Wirtshaus ragt wie ein Wall der Böhmerwald auf. Diese Grenze, die Josefa Singer seit ihrer Kindheit vor Augen hat, prägt ihr Leben bis heute.

Von grenzenloser Freiheit war in Daberg lange nichts zu spüren. Das Leben tobte woanders. Aber das habe ihr nichts ausgemacht, sagt Frau Singer. Es ist nicht ihre Art, lange Sätze zu formen. "I bin zfrieden!", erklärt sie dem Besucher. Bald wird sie 60 Jahre alt sein, sie hat nie woanders gelebt und nie etwas anderes gewollt.

Aber sie hatte auch keine andere Chance. Josefa Singer ist von kräftiger Statur, ein "gstammigs Weiberleit", wie die Menschen in dieser Gegend sagen, sie kann zupacken, schon als Kind hat sie schwere Bauernarbeit verrichten müssen. 30 Tagwerk Grund und zehn Kühe haben zum Bayerisch Häusl dazugehört. Josefa konnte der Arbeit nicht entkommen. Als sie ein Jahr alt war, starb der Vater. Ihre Mutter, die Beppi, hat das Wirtshaus und den Bauernhof allein über Wasser gehalten. Die Schwester hat geheiratet, Josefa ist geblieben. "Ma wochst damit aaf, ma lernt s' Arwatn, ois Kind scho!", sinniert sie heute.

Zum Heiraten hätte es für die Josefa genügend Kandidaten gegeben, sagen die Männer, die sich jetzt am Stammtisch in der Kuchl niedergelassen haben. Aber der Mama, der Beppi, habe keiner gepasst. Wenn einer anklopfte, habe sie zur Josefa gesagt: "Geh umi ins Wohnzimmer!" So kam der Tochter kein Mann zu nahe, und die Josefa "hod dahoam bleim miasst!"

Die Wirtin war eine wichtige Informationsquelle

Die Grenze hat das Wirtshaus und seine Bewohner geprägt und genährt. Die Zöllner, die einst Streife gegangen sind, kehrten im Bayerisch Häusl regelmäßig ein. Auch weil die Wirtin eine wichtige Informationsquelle war. Sie wusste, was sich an der Grenze abgespielt hatte, wenn die Zöllner nicht da waren. Willkommen waren natürlich auch die Brotzeit und die Halbe Bier, die verbotenerweise getrunken wurde, im Dienst. Die Beppi aber hat auch den deutschen Rückraum überwacht, damit die Atzung der Zöllner nicht von unliebsamen Beobachtern gestört wurde.

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Noch heute treffen sich die ehemaligen Zöllner im Bayerisch Häusl, stets in Erinnerungen schwelgend. Sie hoffen, es möge noch lange so bleiben. "I komm scho 60 Jahre her, weil ma hier alle Neuigkeiten hört", sagt einer der Männer. Trotz der Einsamkeit ist Daberg die beste Informationsquelle - auch ohne Internet und Medien. Dazu die Gemütlichkeit, "bei da Josefa ist's wia vor hundert Jahr. Es ist ned nur ein Gasthaus, sondern ein Zuhause!"

"I daad nia woanders higeh!", sagt Josefa und man ahnt, warum das alte Grenzland zwischen Bayern und Böhmen die Menschen seit Urzeiten magisch berührt. Man kann dieses Mysterium wohl nur spüren, wenn man hier geboren ist. Mittlerweile weiß Josefa Singer, dass sie dieses starke Heimatgefühl auch in Gedichten ausdrücken kann.

"Wann i schreib, dann mua olles ruhig sei um mi"

Stets hat sie einen Bleistift zur Hand, um sich alles zu notieren, was sie am Wirtshaustisch aufschnappt. Vier Bücher mit Gedichten und Geschichten hat sie bereits verfasst, ihr Fankreis wächst. "Wann i schreib, dann mua olles ruhig sei um mi. Do mou i denka kinna. Und ganz alloi sa. Und allerwei wieder wos dazou, so entsteht a Gedicht."

Beim Schreiben gibt ihr niemand den Takt vor: keine Tiere, keine Gäste, keine Landesgrenze. In diesen Momenten hört sie tief in ihre Seele hinein: "Hoamat we bist du schöe, i mecht net von dir geah!"

Für den Tipp bedanken wir uns bei Peter Fegeler aus München.

Wirtshausgeschichten aus Bayern