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Reise durch Bayern:Das andere Land

Menschenleer, hässlich, grandios: Auf einer Reise von 1700 Kilometern entlang der Grenzen Bayerns zeigt sich der Freistaat von seiner unbekannten Seite.

Von Sebastian Beck

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Quelle: Sebastian Beck

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Es sind diese Momente, die von Bayern in Erinnerung bleiben. In Eschlkam etwa. Ein Rettungshubschrauber fliegt über die Wiese und scheucht sie auf: mindestens 30 Störche. Sie kreisen immer höher in den Himmel hinauf. Oder Lichtenberg, ausgerechnet. Jene Stadt, wo vor Jahren Peggy spurlos verschwand: Der Blick von der Burg bei Sonnenuntergang, weit hinein nach Thüringen. Und dann Sandberg in der Rhön: Ein Straßendorf, dessen Bild im Sprühregen verschwimmt. Grau, kalt, menschenleer. Bloß weg hier.

Im Bild: Sandberg im Landkreis Rhön-Grabfeld ist gerade mal 325 Jahre alt. Die Häuser auf der Rodungsinsel ziehen sich gleichförmig die Straße entlang.

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Freunde ziehen die Augenbrauen hoch, wenn man ihnen den Plan erläutert: Eine Reise durch das andere Bayern. Von Passau aus soll die Tour so nahe wie möglich entlang der Grenze nach Norden führen, auf Nebenstraßen, durch Dörfer, mit dem Auto und zu Fuß. Am Ende sind es mehr als 1700 Kilometer bis zur Fähre nach Seligenstadt am Main, dem westlichsten Punkt des Freistaats. Es ist eine Fahrt durch ein fremdes, ein schwächelndes und schrumpfendes Land, das mit dem Politikergerede vom kraftstrotzenden Bayerntum nichts zu tun hat. Und es ist ein Land, das alle paar Kilometer sein Gesicht ändert, schon hinter Passau:

Im Bild: Der Bach in der Nähe von Furth im Wald markiert die Grenze zwischen Bayern und Tschechien. Man kann hier einfach rüberspringen, wo einst der eiserne Vorhang verlief.

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Da zieht sich die Straße vom Donautal hinauf in den Bayerischen Wald. Mit jedem Höhenmeter weicht das Liebliche mehr dem Herben. Es ist tatsächlich düster in Finsterau an der tschechischen Grenze. Fichtenwald säumt die Straßen. Oben auf dem Lusen und am Dreisesselberg stehen die Baumleichen, die der Borkenkäfer übrig gelassen hat, graue Gerippe, so weit das Auge reicht.

Früher stand auf dem Dreisesselberg Höhe überall Wald. Jetzt ist der Blick frei auf die fantastischen Felsformationen. Wanderer machen Fotos der toten Bäume.

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Erst im Norden öffnet sich die Landschaft wieder, in Furth im Wald ist die ganze Stadt auf den Beinen - Drachenstich, Volksfest. Es tobt das pralle Leben.

Im Bild: Die Schiffschaukel beim Further Volksfest - machmal braucht selbst das pralle Leben eine Pause.

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Fährt man aber weiter Richtung Selb und Hof, dann bekommt man einen Eindruck davon, was das Wort demografischer Wandel bedeutet: In den Dörfern sind kaum Menschen zu sehen, und wenn, dann fast ausschließlich alte. Kein einziges Huhn, das über die Straße läuft. Kein Kind, das spielt. Nichts.

Im Bild: Die barocke Basilika dominiert Waldsassen in der nördlichen Oberpfalz. Knapp ein Dutzend Zisterzienserinnen leben noch in der Abtei.

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Wie in Gollmuthhausen, im Landkreis Rhön-Grabfeld, 250 Einwohner, eine Durchgangsstraße, die von ordentlichen Häusern gesäumt wird. Man kann hier minutenlang stehen, ohne dass ein Auto vorbeikommt. Die Stille wird einzig von deutscher Schlagermusik gestört, die aus einem offenen Fenster dringt. Die einstige Grenze zur DDR ist an etlichen Stellen noch zu sehen und überall zu spüren. Wirtshäuser, Geschäfte - leer und längst aufgegeben. Abends bleiben viele Fenster dunkel.

Im Bild: Die weite Landschaft im Landkreis Rhön-Grabfeld. Beeindruckend. Und beeindruckend leer.

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Aber mittendrin gibt es Inseln wie Kronach: Um die Lucas-Cranach-Ausstellung würde jede Metropole die Stadt beneiden. Oben in der Altstadt sitzen die Menschen zum Essen draußen, es herrscht eine Atmosphäre der Leichtigkeit, wie man sie sonst nur noch auf dem Stadtplatz von Grafenau antrifft, wo sich die Jugend aus der Umgebung verabredet.

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In den Gärten von Neustadt herrschen die Flaggen vom FC Bayern und Schwarz-Rot-Gold. Junge Männer im Grenzgebiet zu Thüringen fahren gerne tiefer gelegte Coupés.

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Westlich von Kronach dann Königsberg in Unterfranken, vielleicht eine der schönsten Städte Bayerns - nur ganz ohne Touristen und Verkehr. Ein paar Ausflügler schlendern sonntags durch die Fachwerkgassen zum Künstlermarkt. Blumen wuchern zwischen den Kopfsteinen. Weiter nördlich in den Haßbergen, wo die Landschaft immer spröder wirkt, liegt wieder so ein Schatz versteckt.

Im Bild: Der Himmel spannt sich weit übers Coburger Land. Eine einsame Gegend mit sanften Hügeln und vergessenen Dörfern. Auf den Feldern wächst der Mais für Biogasanlagen.

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"Judenhorn" heißt der Hügel auf der Landkarte, gut zwei Kilometer außerhalb von Kleinbardorf. Ein Feldweg zieht sich zu einer Kuppe mit Eichen, unter denen der zweitgrößte jüdische Friedhof Bayerns liegt. Nazis haben die Namen der Verstorbenen aus den Steinen herausgeschlagen. Die Tür zum Totenhaus steht offen. Darin im Halbdunkel der Waschtisch aus Stein, modriges Laub, hinten eine Isomatte. Und wie überall: kein Mensch weit und breit.

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Abends beim Essen in Bad Königshofen, in einem sehr altfränkischen Gasthaus mit Butzenscheiben. Die Bratwürste werden hier "mittelfein" zubereitet. Nebenan am Tisch sitzt ein Rentnerpaar und schweigt. Im Hotel ist ein Bus mit Ausflüglern angekommen. Die Gespräche drehen sich um Gelenkersatz und die Größen der Portionen. Der Gast schleicht sich davon. Als er die Tür ins Schloss fallen lässt, vernimmt er die dumpfe Stimme eines Mannes im Nebenzimmer: "Muss das denn so laut sein."

Im Bild: Der Ort Neukirchen beim Heiligen Blut. Nur noch eine Rose schmückt das Schaufenster an der Hauptstraße.

© SZ.de/infu
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