Kreuze in Behörden Söder liest eine politische Messe

Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident, hat im Eingangsbereich seiner Staatskanzlei ein Kreuz aufgehängt.

(Foto: dpa)

Verheißt der "Kreuz-Befehl" der CSU eine Renaissance des Christentums? Nein. Er zeigt nur, dass Religion wieder politisch missbraucht wird.

Kommentar von Heribert Prantl

Der "Kreuz-Befehl" der CSU könnte den Eindruck erwecken, es gäbe eine Wiederkehr der christlichen Religion. Der Eindruck ist falsch. Es gibt keine solche Renaissance. Es gibt nur eine Wiederkehr ihres politischen Missbrauchs.

Gewiss: Das Interesse an Religion im Allgemeinen ist beachtlich; viele Menschen hierzulande fragen: Wie begegnet man dem Islam und dem Islamismus? Viele fragen, was einen Donald Trump reitet, wenn er die evangelikalen Hardliner und Evolutionsleugner unterstützt.

Solches Interesse an Religion ist bisweilen fast wie ein zoologisches Interesse. Aber Diskussion über Religion und Religionen sollte man nicht verwechseln mit ausgeübter Religiosität. Die praktizierte Religiosität nimmt ab. Und der Kreuz-Befehl des bayerischen Kabinetts hat mit Wiederkehr der Religion nichts zu tun. Markus Söder missbraucht das Kreuz für eine politische Messe, die er selber singt.

Die religiöse Verankerung der Menschen wird schwächer, schwächer wird auch die Bindung an die Kirche, der Kirchenbesuch sowieso. Die Entfremdung von gelebter Religion nahm und nimmt zu. Daran ändert die Anordnung des bayerischen Ministerpräsidenten, ein Kreuz in den Eingangsbereich jeder Behörde zu hängen, gar nichts - eher im Gegenteil. Auch diese Anordnung ist letztlich ein Ausdruck der Säkularisierung eines christlichen Symbols.

Während das gelebte Christentum schrumpft, nimmt die Inanspruchnahme von Religion zu politischen Zwecken zu. Die CSU, die die Vermischung von Religion und Politik seit jeher "dem Islam" vorgehalten hat, mischt nun selbst, aus Wahlkampfgründen.

Christliche Werte. Welche sind das eigentlich?

Das Wissen über christliche Glaubensinhalte, die Sicherheit im Praktizieren von Ritualen und die Kenntnis von den großen Lehrgeschichten der Bibel, die Gleichnisse heißen, hat sich verflüchtigt. Dem muslimischen Glaubensstolz haben also viele Noch- oder Ex-Christen nicht viel entgegenzusetzen. Sie fürchten, dass die Zukunft der christlichen Vergangenheit verloren geht. Sie wollen zwar keine christliche Zukunft, aber doch eine Zukunft der christlichen Vergangenheit. Die Auseinandersetzung mit glaubensbewussten Muslimen macht ihnen ihre eigene Unkenntnis der Grundlagen des Christentums klar. Das führt dann zur pauschalen Beschwörung des "christlichen Abendlandes" und seiner "christlichen Werte".

Christliche Werte. Welche sind das eigentlich? Die Zehn Gebote? Die neun Seligpreisungen? Sonntagsruhe? Burkaverbot? Gleichberechtigung? Bei Letzterer wird es schon heikel, denn die Gleichberechtigung ist eher gegen die Christen als von ihnen durchgesetzt worden.

Es ist schon ein wenig sonderbar: Je mehr den Leuten der Appetit auf ein gelebtes Christentum vergeht, desto mehr Geschmack finden viele an den christlichen Werten - die mehr beschworen werden denn erklärt, geschweige denn praktiziert. In der politischen Diskussion und in der politischen Praxis werden Grenzen gezogen, um sie zu schützen: Grenzen zwischen Staaten und Kulturen, Grenzen zwischen den Religionen, Grenzen der Belastbarkeit, Grenzen des Mitleids. Wenn es um Werte geht, wird der Ton immer öfter rau und aggressiv. Mit Werten wird Abwertung betrieben. Das ist eine böse Umwertung der christlichen Botschaft.

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