Gesundheitspolitik Land der Pillen und Arzneien

A wie Apotheke - das Logo kennt jeder. In Bayern gibt es 3000 davon.

(Foto: dpa)

Dass es in Bayern heute an fast jeder Ecke eine Apotheke gibt, ist einem Pharmazeuten aus Traunstein zu verdanken. Er verklagte vor 60 Jahren den Freistaat.

Von Dietrich Mittler

Martin Streber ist Apotheker. Seine Entscheidung für diesen Beruf hat etwas mit Leidenschaft zu tun - soviel zum Einfluss von Chemielehrern auf heranwachsende junge Männer. "Da hat es gebummt und gekracht, das hat mir gefallen", erinnert sich Streber an die Experimente im Unterricht. Und da kam ihm Gedanke: "Mensch, das wäre doch was." Mit zunehmender Reife fiel die Entscheidung auf Arzneimittel-Chemie, und später, als er dann als Apotheker im oberbayerischen Schrobenhausen tätig war, wurde der Umgang mit den Kunden für ihn zur neuen Leidenschaft. Aber eins ist klar: Dem Chemielehrer, dem hat er viel zu verdanken. Ebenso viel allerdings auch jenem Mann, dem Streber nie begegnet ist: Karl Heinz Röber aus Erlstätt im Kreis Traunstein.

Zum 60. Mal hat sich gerade der Tag gejährt, an dem Röber vor dem Bundesverfassungsgericht für Apotheker in Bayern die Niederlassungsfreiheit erstritt. Seinerzeit war sie eine Sensation. Am 11. Juni 1958 erklärte der Erste Senat den Artikel 3 des Bayerischen Apothekengesetzes für verfassungswidrig.

Bis dahin wurde im Freistaat für eine neu zu errichtende Apotheke nur dann die Betriebserlaubnis erteilt, wenn diese "im öffentlichen Interesse" liege, wenn anzunehmen sei, "dass ihre wirtschaftliche Grundlage gesichert ist". Und wenn "durch sie die wirtschaftliche Grundlage der benachbarten Apotheken nicht so weit beeinträchtig wird", dass deren ordnungsgemäßer Betrieb nicht mehr gewährleistet sei. Denn damit wachse die Gefahr, "dass ein durch Konkurrenz schlechter gestellter Apotheker zu illegalen Mitteln (Verkauf von Opiaten) greift, um sich aus der finanziellen Klemme zu befreien", wie das Traunsteiner Wochenblatt einen der im Verfahren angehörten Gutachter zitierte.

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Wie wenig diese Sorge mit der Realität zu tun hat, macht ein Besuch im gut 17 000 Einwohner zählenden Schrobenhausen deutlich. Im Herzen der Stadt reihen sich sechs Apotheken wie an einer Perlenkette auf, darunter auch die Apotheke von Martin Streber. "Aber wir sind sicherlich nicht mit Apotheken überversorgt", sagt der. Indes, und das kann auch Marianne Baumgärtel vom städtischen Gewerbeamt bestätigen: Touristen sollen bisweilen den Eindruck gewonnen haben, Schrobenhausens Geschäftswelt bestehe im Wesentlichen aus Apotheken.

Dass der Eindruck entstehen kann, liegt auch ein wenig an der Lenbach-Apotheke - sprich an deren optischer Besonderheit: An sonnigen Tagen spiegelt sich in einer ihrer Schaufensterscheiben die Apotheke von der anderen Straßenseite. "Das ist kein Problem", sagt Maria Wagner, die Inhaberin. Die Entscheidung, in einer Straße voller Konkurrenzbetriebe eine neue Apotheke aufzumachen, habe sie keine Minute lang beunruhigt. "Wenn die Apotheker- und Ärztebank, die Neugründungen über Kredite finanziert, sagt, dass das klappt, dann klappt das", sagt sie.

Letztlich funktioniert sie also immer noch, die Formel der alten bayerischen Kreisstädte, zu denen bis zur Gebietsreform von 1972 auch Schrobenhausen zählte: Dort praktizieren viele Ärzte, und nicht nur die Stadtbevölkerung, sondern auch die Menschen aus den umliegenden Landgemeinden sind froh, dass sofort nach dem Arzttermin mit ihrem Rezept zu einer der Apotheken gehen können.

Davon hat in den Fünfzigerjahren wohl auch Karl Heinz Röber geträumt - von einem sowohl für die Patienten als auch für die Apotheker rentablen Miteinander. Über Röber ist heute nur noch wenig bekannt. In der schriftlichen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts finden sich indes einige Spuren: Der Beschwerdeführer sei ein "seit 1940 approbierter Apotheker", heißt es dort. Nach seiner Rückkehr "aus dem Kriege" sei er in der sowjetischen Besatzungszone zunächst Verwalter, später Staatspächter einer Apotheke gewesen. 1955 habe er diese Zone verlassen und sei "seitdem als Angestellter in einer Apotheke in Traunstein tätig".

Der Apotheker Martin Streber - hier beim Zusammenstellen von Medikamenten für einen Kunden - weiß um das wirtschaftliche Risiko in seiner Branche. "Ich halte für meinen Laden den Kopf hin", sagt er.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Im Juli 1956 jedenfalls beantragte Röber bei der Regierung von Oberbayern, ihm die Betriebserlaubnis für eine neue Apotheke in Traunreut zu erteilen. Die lehnte das mit Bezug auf Artikel 3 des Apothekengesetzes ab - und blieb stur, als Röber die Entscheidung nicht hinnahm. Schließlich reichte der Apotheker, vertreten durch den Traunsteiner Rechtsanwalt Hellmut Raab, Verfassungsbeschwerde ein. Die Haltung der damaligen Bayerischen Staatsregierung dazu war eindeutig: Sie schlug sich, wie aus den Dokumenten hervorgeht, auf die Seite der Regierung von Oberbayern. Seitdem hat sich viel geändert: Das Redemanuskript der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) für den Apothekertag am vergangenen Wochenende in Augsburg ist ein einziges Bekenntnis zum "Berufsbild des Apothekers als freier Heilberuf". Zur "wohnortnahen Arzneimittelversorgung" gebe es keine Alternative.

Politischen Beistand können die mehr als 3000 Apotheken im Freistaat auch gut brauchen. Insbesondere aus dem Ausland agierende Versand- und Internet-Apotheken setzen ihnen als preisgünstige Konkurrenten zu. Das schweißt letztlich auch die Schrobenhauser Apotheker enger zusammen. Martin Streber verweist auf eine Erhebung der Landesapothekerkammer. Nach der sank die Zahl der Apotheken in Bayern zwischen 2007 bis 2017 von 3425 auf 3179.

In diesem ungleichen Kampf, so glaubt Streber, habe er selbst aber zwei Trümpfe: Service und Beratung. Beispiel Nachtdienst, da stand neulich ein verzweifelter Vater morgens um zwei vor der Tür und sagte: "Ich halt das nicht mehr aus, mein Kleiner hat seinen Dietzel verschmissen. Seit zwei Stunden das Geschrei." Da war Apotheker Streber sofort mit einem neuen Schnuller dabei. "Für mich war das eindeutig ein Notfall", sagt er.

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