Frühchen-TV in Passau Babywatch in der Kinderklinik

Wenn ein Kind zu früh auf die Welt kommt, ist das für Eltern ein Alptraum. Die Passauer Klinik Dritter Orden ist das erste Kinderkrankenhaus in Bayern, das Familien die Möglichkeit bietet, ihr Frühgeborenes über Smartphone oder am heimischen Computer rund um die Uhr zu sehen.

Von Wolfgang Wittl

Eingang zur Intensivstation der Kinderklinik Dritter Orden in Passau. Künftig können Eltern ihre Säuglinge jederzeit sehen, auch wenn sie nicht auf Station sein können.

(Foto: dpa)

Der Traum vom Kind - für Silke Mader geriet er zunächst zum furchtbaren Alptraum: Die Pädagogin befand sich in der 24. Schwangerschaftswoche, als bei ihr eine Schwangerschaftsvergiftung festgestellt wurde. Mader erlitt einen Zusammenbruch, wurde reanimiert, die Zwillinge in ihrem Bauch mussten vorzeitig geholt werden. Lukas wog 515, Lena 290 Gramm. Lena schaffte es nicht, sie starb nach wenigen Tagen. Als ähnlich belastend wie den Tod der Tochter empfand Mader auch die Sorge um Lukas, mit der sich die Eltern allein gelassen fühlten.

Sie kamen sich vor wie Fremdkörper: Auf der Station des Münchner Krankenhauses gab es lediglich einen Stuhl, den sich alle Besucher zu teilen hatten. Ihren frühgeborenen Sohn bekam Silke Mader kaum zu Gesicht, ihr Mann durfte Lukas wegen einer schweren Erkältung wochenlang sogar überhaupt nicht sehen. Anrufe in der Station landeten oft im Nichts - oder bei gestressten Schwestern.

All das liegt jetzt 15 Jahre zurück, Lukas besucht inzwischen ein Gymnasium, der Standard an bayerischen Kinderkliniken ist längst ein anderer. Doch das frühgeborene oder kranke Kind rund um die Uhr zu sehen, ist für Eltern in der Regel weiterhin ein Ding der Unmöglichkeit - wenn sie sich nicht gerade an der Kinderklinik Dritter Orden in Passau befinden.

Denn als erstes bayerisches Kinderkrankenhaus hat der Dritte Orden am Montag ein sogenanntes "Frühchen-TV" in Betrieb genommen. Um Punkt 12 Uhr gingen die ersten Kameras auf Sendung. Eltern ist es damit möglich, zu jeder Zeit an jedem Ort ihr Kind im Blick zu haben - am Computer oder über Smartphones, wie es ihnen beliebt. Der Passauer Chefarzt Matthias Keller sieht darin eine wesentliche Verbesserung der neonatalen Medizin: "Babywatch ist kein Luxus, sondern ein existenzieller Bestandteil der familienzentrierten Versorgung", sagte der Ärztliche Direktor bei der Vorstellung. Eine Umfrage unter Eltern hatte eine hundertprozentige Zustimmung zur Einführung dieses virtuellen Besuchersystems erbracht.

Etwa 15 Millionen Frühchen jährlich werden weltweit geboren, in Deutschland sind es 60 000 und damit zehn Prozent aller Geburten - Tendenz steigend. Für Silke Mader, mittlerweile die Vorsitzende einer europäischen Stiftung für Neugeborene, ist eine ständige visuelle Verbindung zwischen Eltern und Kindern nicht zuletzt aus eigener Erfahrung dringend nötig. Sie weiß noch, welche Schuldgefühle sie peinigten, als sie Lukas nicht sehen konnte. Welche Hemmungen sie hatte, nachts in der Klinik anzurufen aus Furcht, ihrem Sohn sei womöglich etwas zugestoßen. Oder wie sie sich grämte, Freunde und Verwandte nicht an ihrem Familienzuwachs teilhaben lassen zu können.

Frühchen-TV fördert familiären Frieden

"Als hätte es unser Kind nicht gegeben, weil wir es nicht herzeigen konnten", sagt Mader. Chefarzt Keller ist überzeugt, dass durch "Frühchen-TV" auch der familiäre Friede gefördert werde. So sei statistisch erwiesen, dass die Scheidungsrate bei Eltern von Frühchen über dem Durchschnitt liege. Überdies würden Frühgeborene später vermehrt ein Opfer von Kindesmisshandlungen.

In sieben Bundesländern kommen die Kameras von Mybabywatch, wie das herstellende Unternehmen heißt, bereits zum Einsatz. Das Marien-Hospital in Witten hat durchweg gute Erfahrungen gemacht, wie Oberarzt Bahman Gharavi berichtet. Das Wissen um das Wohl des Nachwuchses führe zu einer Beruhigung der Eltern, die sich wiederum auf die Kinder übertrage. "Die sind dann umso entspannter und stabiler - und können früher entlassen werden", hat Gharavi festgestellt.

Fachleute halten den Nutzen für unbestritten, doch die Kosten müssen bislang ohne staatliche Unterstützung gestemmt werden. In Passau werden zunächst acht Kameras für 25 000 Euro eingesetzt, die vom Förderverein finanziert werden. Den laufenden Unterhalt von jährlich gut 1000 Euro trägt ein weiterer Sponsor.

Jeweils eine Kamera ist am Bett des Kindes befestigt, die in der Nacht mithilfe von Infrarotlicht sendet. Eltern bekommen einen personengeschützten Zugang, den sie beliebig weitergeben können. Eine eigene Seite zeigt zudem die aktuellen Entwicklungsdaten des Kindes an. Ziel der Firma ist es, das virtuelle Besuchersystem nach und nach auf alle Säuglinge auszuweiten. Für Silke Mader kann es gar nicht genügend Bilder aus der Kinderstation geben, "das schafft Transparenz und Vertrauen".

Das Klinikpersonal indes muss sich erst noch auf manche Änderungen einstellen. In Witten etwa haben sich Eltern mitten in der Nacht beschwert, weil ihr Kind nun schon zwei Minuten schreien würde. Kein Problem, sagt Chefarzt Keller, ein gutes Krankenhaus habe nichts zu verbergen.