Transitzentrum Deggendorf Arzt will keine Asylbewerber mehr behandeln

Der Arzt im Deggendorfer Transitzentrum hält manchen Flüchtling heute für einen "Medizintouristen" - im Gegensatz zu den Menschen, die 2015 in München akut versorgt werden mussten

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Ein Arzt, der Asylbewerber im Transitzentrum Deggendorf behandelte, gibt diesen Job auf.
  • Die zu behandelnden Flüchtlinge seien "frech und fordernd", sagt er.
  • Einige Mediziner-Kollegen haben Verständnis für die Entscheidung, andere können sie nicht nachvollziehen.
Von Dietrich Mittler

Der Münchner Internist Siegfried Rakette ist einer der Gründungsmitglieder der "Refudocs", und nach wie vor kümmert er sich um Asylbewerber, die medizinische Hilfe brauchen. Sein Credo lautet: "Ich habe immer noch Empathie und Respekt für alle Flüchtlinge." Gleichwohl kann Rakette in gewissem Maße nachvollziehen, dass nun ein Kollege in Deggendorf im dortigen Transitzentrum keine Flüchtlinge mehr betreuen will.

Anonym hatte der niederbayerische Allgemeinmediziner kürzlich in der Wochenzeitung Die Zeit seinem Frust freien Lauf gelassen. Viele seiner jetzigen Patienten im Transitzentrum halte er für "Medizintouristen" - im Gegensatz zu jenen Flüchtlingen, die 2015/2016 mit "bis aufs Fleisch wund gelaufenen Füßen" und immer wieder auch mit Beinen "voller Granatsplitter" zu ihm kamen.

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Nun aber will der Deggendorfer Arzt seinen Vertrag mit der für das Transitzentrum zuständigen Regierung von Niederbayern nicht mehr verlängern: Die zu behandelnden Flüchtlinge seien vielfach "frech und fordernd". An einem Abend habe er etwa die Erfahrung gemacht: Nur einer von 41 Patienten bedankte sich bei ihm. Kürzlich habe ein aus Aserbaidschan stammender Asylbewerber einem Arzt im Transitzzentrum einen Faustschlag versetzen wollen sowie kurz darauf einen Stuhl nach ihm geworfen. Und: "Zwei Tage später kam er wieder und zog ein Messer".

Die Schilderungen des niederbayerischen Arztes haben bundesweit nicht nur Zustimmung gefunden. Kritik kommt auch von Siegfried Rakette. Der hat zwar selbst die Erfahrung gemacht, dass er von Flüchtlingen kaum mehr das Wort "danke" höre, doch Rakette glaubt, die Gründe dafür zu kennen: die aus seiner Sicht unhaltbaren Zustände in den großen bayerischen Asylunterkünften. "Die Flüchtlinge dort sind regelrecht eingepfercht, dürfen nicht arbeiten, bekommen keine Deutschkurse, haben schlicht keine Perspektive", sagt er. "Würde man junge deutsche Männer so behandeln, was glauben Sie, was dann los wäre?", fragt er.

Cevat Kara, Projektleiter der Münchner Anlaufstelle "Open.med", in der dank der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" auch viele Asylbewerber auf ärztliche Behandlung hoffen können, hat indes für den niederbayerischen Arzt keinerlei Verständnis: "Eine solche Pauschalisierung, wie er sie betreibt, lehne ich ab", sagt Kara auf Nachfrage. Heinz-Jochen Zenker, der Präsident von Ärzte der Welt in Deutschland, kommt ebenfalls zu dem Schluss: "Wir haben bereits viele Asylbewerber medizinisch versorgt, aber so etwas haben wir noch nie erlebt", sagt er. Er wolle ja gar nicht ausschließen, dass Ärzte solchen Erlebnissen ausgesetzt sein könnten. Wie Rakette sieht er eine Hauptursache dafür indes in den Zuständen, die Flüchtlinge in den großen Transitzentren vorfinden.

Flüchtlinge wollen Atteste über schwere Krankheiten

Hinzu komme die Angst vor der Abschiebung, glaubt Rakette. Er berichtet, dass sich mittlerweile oft Flüchtlinge mit der Bitte an ihn oder seine Kollegen wenden, ihnen ernsthafte Krankheiten zu bescheinigen. "Das tun sie in der Hoffnung, hier bleiben zu können", sagt er. Natürlich seien jene um solche Atteste bittenden Personen nicht erfreut, wenn er ihnen das verweigere. Aber passiert sei ihm selbst nie etwas, nicht einmal Beschimpfungen. "Vielleicht liegt das ja an meiner deeskalierenden Art, mit diesen Patienten umzugehen", sagt er. Im Übrigen aber werde in der jetzigen Diskussion eines unterschlagen: Die Zahl aggressiver Auswüchse gegen Ärzte - bis hin zur blanken Gewalt - sei mittlerweile in ganz Bayern höher. Eine Studie belege das eindeutig: Deutsche Patienten verhielten sich da nicht weniger aggressiv.

Präsident Zenker sieht in den Vorgängen um Deggendorf nun auch die Medien in der Pflicht. "Es besteht die Gefahr, dass hier pauschal die Flüchtlinge an den Pranger gestellt werden", sagt er. Umgekehrt aber fordert er auch: "Wenn Ärzte in Asylunterkünften tatsächlich attackiert werden, so ist es die Aufgabe der Betreiber solcher Unterkünfte, die Ärzte zu schützen. Notfalls durch Sicherheitspersonal."

Die Regierung von Niederbayern bestätigte, der betreffende Arzt sowie sein Kollege würden ihre Tätigkeit am Standort Deggendorf noch "diesen Monat beenden". Die ärztliche Versorgung in der Dependance in Osterhofen werde er "jedoch weiter übernehmen", betont eine Sprecherin. In Deggendorf indes werde vom 1. Juni an eine Gruppe von fünf Ärzten die medizinische Behandlung der Flüchtlinge "arbeitsteilig" sicherstellen.

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