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Städtisches Klinikum München:"Die Leute werden aggressiver, etwa bei langen Wartezeiten"

Weniger Patienten gab es unter anderem, weil das Klinikum seine Kapazitäten nicht ausschöpfen konnte - das entsprechende Personal fehlte.

(Foto: Klaus Krischock/oh)
  • Nachts wird das Städtische Klinikum von einem Sicherheitsdienst bewacht.
  • Ärzten, Schwestern und Pflegern stehen Wachleute zur Seite, um bei brenzligen Szenen einzuschreiten.
  • Gewalt in Notaufnahmen ist schon seit Jahren keine Ausnahme mehr, wie eine Studie zeigt.

In den Notaufnahmen des städtischen Klinikums sorgt seit Anfang des Jahres ein privater Wachdienst für mehr Sicherheit. "Es geht zunehmend ruppiger zu", begründet Geschäftsführer Axel Fischer diesen Schritt. Immer wieder komme es mal vor, dass das Personal angegriffen würde. "Wir haben immer offen, deshalb stellen wir uns sicherer auf", sagte Fischer. Täglich zwischen 22 und sechs Uhr stehen den Ärzten, Schwestern und Pflegern nun Wachleute zur Seite, um bei brenzligen Szenen einzuschreiten. Gerade nachts kämen häufig auch betrunkene Patienten, von denen einige die Grenzen überschritten, erklärte der Klinik-Geschäftsführer. "Die Leute werden aggressiver, etwa bei langen Wartezeiten."

Dieses Phänomen ist keineswegs neu, wie eine Studie zeigt, die ein Schweizer Medizin-Dienstleister 2014 erstellen ließ. Auf Nachfragen in mehr als hundert Kliniken in der Schweiz, Österreich und Deutschland berichteten drei von vier Krankenhäusern von Gewalt in ihren Notaufnahmen. Vor allem Randalieren, Handgemenge sowie Schläge oder Tritte wurden genannt. In München nimmt das städtische Klinikum keine eine Vorreiterrolle in Sachen Sicherheit ein, wenn es nun einen privaten Wachdienst engagiert hat. Am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität gehörten Sicherheitsmitarbeiter bereits seit 15 Jahren zum Alltag, erklärte eine Sprecherin.

Das städtische Klinikum reagiere nicht auf einen oder mehrere konkrete Vorfälle, sagte ein Sprecher. Es gehe um Hilfe im Extremfall, aber auch um "die gefühlte Sicherheit" des Personals. Stationiert wird der neue Sicherheitsdienst direkt neben den Notaufnahmen, er dreht aber auch Runden im Haus. "Das kommt dann auch den Stationen zugute", sagte Klinik-Geschäftsführer Fischer.

Die Mehrkosten nimmt er für mehr Sicherheit in Kauf, auch wenn er in der laufenden Sanierung der städtischen Krankenhäuser auf jeden Euro schauen muss. Diese kämpften vor Jahren um ihr wirtschaftliches Überleben, das Fischer mittlerweile als Vorsitzender der Geschäftsführung dauerhaft sicherstellen soll. Der Aufsichtsrat übertrug dem Arzt nach dem Ausscheiden seines Kollegen Thomas Krössin auch die medizinische Leitung. Nach vier Jahren als Chef zieht Fischer eine vorsichtig optimistische Bilanz. "Wir haben die Kosten und die Zeitpläne im Griff", sagte er. Das Jahr 2017 werde das Klinikum sogar mit einem operativen Gewinn von 22 bis 24 Millionen Euro abschließen können.

Doch für Euphorie bestehe kein Grund, räumt der Geschäftsführer ein. Noch immer benötigt er einmalige Sonderposten, um ein Jahr positiv abschließen zu können. Im Jahr 2017 gab das Klinikum der Stadt Grundstücksflächen und Gebäude zurück, was viele Millionen auf der Haben-Seite brachte. Rechnet man diese sogenannten einmaligen Sondereffekte heraus, hätte das Stadtklinikum im operativen Geschäft einen Verlust "im einstelligen Millionenbereich" ausweisen müssen. Damit lag der Betrieb nach 2016 wieder unter den Planzahlen, was insbesondere an niederen sogenannten Fallzahlen im Jahr 2017 liegt. Die städtischen Krankenhäuser behandelten also schlicht weniger Patienten als erhofft.

In sechs Jahren soll sich das Klinikum selbst tragen

Das liegt zum einen an der Sanierung, die bei manchen Patienten die irrige Annahme befördert, dass die städtischen Krankenhäuser in dieser Zeit geschlossen hätten. Dieser Mär versucht das Klinikum mit verstärkter Präsenz in der Öffentlichkeit gegenzusteuern, was allerdings nicht immer gelingt. Auf der anderen Seite fehlen schlicht die Mitarbeiter, um alle vorhandenen Betten zu belegen. Der dramatische Mangel an Pflegekräften führt dazu, dass das Klinikum seine Kapazitäten nicht ausschöpfen kann.

Dieses Problem kennen auch alle anderen Krankenhäuser in München. Kommt dazu in den Wintermonaten eine Grippewelle bei den Bürgern und beim Personal, entstehen Engpässe wie in den vergangenen Wochen. Mehr als 100 Patienten mussten zwangseingewiesen werden, weil alle Krankenhäuser gemeldet hatten, dass sie voll ausgelastet seien. Das bedeutet aber nicht, dass diese Patienten schlecht versorgt würden, sagte Klinik-Geschäftsführer Fischer. Stattdessen würden längerfristig geplante Operationen verschoben, nach denen ein Patient ein Bett auf einer Intensivstation benötigt hätte.

Wie schnell ein solcher Engpass eintreten kann, rechnet Fischer an einer fiktiven Notaufnahme vor. "Nehmen wir an, wir haben 20 Betten. Vier sind gesperrt, weil wir zu wenig Pflegekräfte haben. Zwei weitere können nicht belegt werden, weil auch beim Personal viele Krankheitsfälle auftreten. Viermal müssen wir einen Patienten in einem Doppelzimmer isolieren. Dann sind es nur noch zehn Betten." Zumindest das Doppelzimmer-Problem will Fischer mit den neuen Klinikbauten bis ins Jahr 2024 erledigt haben. Wenn dann auch das neue medizinische Konzept läuft, soll sich das Klinikum wieder von selbst tragen. Ganz ohne Sondereffekte.

© SZ vom 20.03.2018/vewo
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