Flüchtlinge in Berufsschulen Unterricht im Schichtbetrieb

Lernen für den Beruf - und die Integration auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

(Foto: dpa)
  • 58 500 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter sollen derzeit in Bayern an den Schulen integriert werden.
  • Die meisten von ihnen lernen an Berufsintegrations- und Sprachlernklassen, die an den Berufsschulen angesiedelt sind.
  • Doch die Zeit reicht nicht, die Lehrer arbeiten am Limit.
Von Anna Günther

Bayerns Bildungspolitiker preisen seit Monaten das große Engagement von Lehrern, Schulpsychologen und Sozialpädagogen. 58 500 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter zu integrieren, die kein Deutsch und kaum Englisch sprechen, gilt als größte Herausforderung des bayerischen Bildungssystems. Zwei Drittel dieser Flüchtlinge lernt in 1200 Berufsintegrations- und Sprachlernklassen, die an den Berufsschulen angesiedelt sind.

Die Jüngeren werden in 658 Übergangsklassen an Grund- und Mittelschulen betreut. Kultusminister Ludwig Spaenle betont stets die Vorreiterrolle des Freistaats, der als erstes Bundesland Integrationsklassen an Berufsschulen eingeführt hat. Mittlerweile geben ihm Studien wie der Bildungsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft recht, die das bayerische System als nachahmenswert beschreiben. Hört man sich allerdings an den Berufsschulen um, ist die Stimmung äußerst getrübt.

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"Die Prioritäten haben sich schon wieder verschoben", fürchtet Jürgen Wunderlich, der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbands. Indikator ist für ihn, dass die Diskussion um G 8 oder G 9 die Medien und - für ihn noch schlimmer - auch die große Pressekonferenz zum Schuljahresbeginn im Kultusministerium bestimmt. "Aber die Einreisewelle ist erst ein Jahr her und die Herausforderung ist nach wie vor sehr groß, in 40 Berufsjahren habe ich so etwas noch nicht erlebt", sagt Wunderlich.

An seiner Schule, dem Beruflichen Schulzentrum in Neusäß, gibt es insgesamt 105 Klassen. 19 davon sind Integrationsklassen, die allein im vergangenen Jahr dazu kamen. Verteilt sind diese Klassen auf drei Standorte, unterrichtet wird in zwei Schichten. Wunderlich fügt eilig an, dass trotzdem kein regulärer Unterricht ausfalle.

Das Problem ist den Parteien im Landtag bewusst, die Opposition hat schon mehrmals Ideen in den Bildungsausschuss eingebracht - ohne nennenswerten Erfolg. Auf Initiative der CSU wird das Kultusministerium an diesem Donnerstag ein Konzept vorstellen, wie Flüchtlinge besser verteilt und dadurch die Belastung der Berufsschulen vermindert werden soll. Entscheidend sind im CSU-Antrag zum "Schulsolidarpakt Asyl" die Worte "im Rahmen der vorhandenen Stellen und Mittel". Mehr als die im Nachtragshaushalt 2016 eingeplanten 160,7 Millionen Euro für 1079 Beamtenjobs und mehrere Hundert Verträge für Pädagogen soll das nicht kosten.

Mehr Investitionen sind nötig

Für Berufsschulverbands-Chef Wunderlich liegt genau darin der Fehler: "Wir werden nicht umhin kommen, noch viel mehr Geld reinzubuttern." Wie die anderen Berufsschulleiter habe auch er angenommen, dass etwa ein Drittel der Migranten nach zwei Jahren in den Integrationsklassen fit sind für einen Ausbildungsplatz in Industrie oder Handwerk. Denn Optimisten der Betriebe erhoffen sich von den Flüchtlingen auch eine Linderung des Fachkräftemangels. Und von der ersten Generation Einwanderer, die von 2013 bis 2015 in den Integrationsklassen Deutsch lernte und mit Praktika ins duale Ausbildungssystem schnupperte, bekam mehr als die Hälfte eine Lehrstelle. Allerdings waren das 1100 Schüler. Jetzt sind es gut 40 Mal so viele Männer und Frauen.

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Nach einem Jahr mit Hunderten Klassen zeige sich, dass wohl nur 15 Prozent der Schüler sofort fit sind für die Lehre, sagt Wunderlich. Der Großteil müsse drei oder vier Jahre an den Schulen bleiben. Und das kostet. "Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass ein tolles Modell ausreicht", sagt Wunderlich. Sollten wieder mehr Schutzsuchende nach Bayern kommen, könnten die Berufsschulen nicht mehr helfen. Schon jetzt gingen alle über ihre Grenzen hinaus.

Eine Chance für Lehrer, die umschulen

Darunter dürfte auf lange Sicht die Qualität der Ausbildung leiden, das aber will niemand. "Das wäre der Tod des dualen Systems", sagt Wunderlich. Es hake schon jetzt überall: Er komme kaum seinen Aufgaben als Schulleiter hinterher und finde keine Sekretärin, die sich nachmittags um das Büro kümmert. Gravierender ist für Wunderlich, dass es kaum Berufsschullehrer gibt. 200 wurden zum neuen Schuljahr eingestellt, die Wartelisten sind abgegrast.

Nur die Hälfte aller Integrationsklassen unterrichten Lehrer, um die anderen Gruppen kümmern sich Bildungsträger wie Kolping, Arbeiterwohlfahrt oder Caritas. Aber auch diesen fehlen bereits qualifizierte Dozenten. "Teilweise unterrichten Uniabsolventen, die selbst nicht gescheit Deutsch können - wie sollen sie den Flüchtlingen das dann beibringen?", fragt Wunderlich.

Für 50 Realschul- und Gymnasiallehrer liegt im Mangel eine Chance. Sie bekommen durch die Umqualifizierung zum Berufsschullehrer einen Job mit Aussicht auf eine Beamtenstelle. Langfristig fehlen laut Wunderlich aber Pädagogen, die sich in Metallbau- oder Elektrotechnik auskennen. Für diese Fachlehrer müsse das Ministerium endlich Anreize schaffen.