Energiewende in Bayern Österreich lockt mit Stromangebot

Das Jochenstein-Kraftwerk an der Donau gehört auch zum Energieversorger Verbund. Die Anlage ist das stärkste Wasserkraftwerk Deutschlands.

(Foto: dpa)

Der größte Energieversorger aus dem Nachbarland wäre offenbar sofort in der Lage, die Leistung aller bayerischen Atomkraftwerke zu ersetzen. Würde die Staatsregierung das Angebot annehmen, wäre Bayern gleich zwei Probleme auf einmal los.

Von Christian Sebald

Der österreichische Energieversorger Verbund hat der Staatsregierung ein Angebot unterbreitet, das die aktuellen Probleme mit der Energiewende lösen und die Stromversorgung im Freistaat auf Jahre hinaus sicherstellen würde. "Verbund kann Bayern 5200 Megawatt Kraftwerksleistung zur Verfügung stellen", sagte der Vorstandschef des Unternehmens, Wolfgang Anzengruber, am Rande eines bayerisch-österreichischen Energiekongresses am Montag in München. "Das entspricht ziemlich genau der Leistung der Atomkraftwerke im Freistaat, die bis zum Jahr 2022 abgeschaltet werden." Auch der Transport des österreichischen Stroms nach Bayern wäre laut Anzengruber kein Problem. "Die Leitungen sind bereits vorhanden, man müsste keine neuen bauen", sagte Anzengruber.

Mit der Annahme des österreichischen Angebots wäre die Staatsregierung auf einen Schlag die beiden zentralen Probleme der Energiewende los - zumindest auf mittlere Sicht. Politiker, Experten und Wirtschaftsleute betonen seit langem übereinstimmend, dass der Ausstieg aus der Atomkraft nur gelingen könne, wenn leistungsstarke, grundlastfähige Kraftwerke an ihre Stelle träten, die immer dann Strom lieferten, wenn er gebraucht werde. Nach aktuellem Stand wären das vier bis fünf hochmoderne Gaskraftwerke. Aber obwohl die Zeit drängt - bis zum Abschalten des letzten Atomkraftwerks in Bayern im Jahr 2022 sind es nur noch acht Jahre -, ist bisher kein Investor im Freistaat in Sicht. Und es ist fraglich, ob sich jemals einer finden wird.

Reserverkraftwerke, wenn Wind und Sonne ausfallen

Der Grund: Die Reservekraftwerke sollen nur dann laufen, wenn Wind und Sonne als Stromlieferanten ausfallen. Nach den aktuellen Erfahrungen sind das zwischen 1500 und 2000 Stunden im Jahr. Damit ein solches Reservekraftwerk aber keinen Verlust macht, müsste es wenigstens 4000 Stunden im Jahr Strom produzieren. Dieses Missverhältnis ist der Grund, warum sich Eon nun im Zuge seines radikalen Konzernumbaus auch von seinen Gaskraftwerken trennen will.

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Das andere Problem sind die beiden Gleichstromleitungen, die einmal große Mengen an Windstrom aus Norddeutschland nach Bayern und Baden-Württemberg liefern sollen. Sie werden von der Bevölkerung in den jeweiligen Regionen abgelehnt. Und zwar so kategorisch, dass Ministerpräsident Horst Seehofer und Wirtschaftsministerin Ilse Aigner unlängst eigens ihren neuen Energiedialog in Gang gesetzt haben. Bis Januar wollen sie mit Vertreten von Wirtschaft, Umweltorganisationen, Stromversorgern, kommunalen Vereinigungen und Bürgerinitiativen ein neues Konzept für die Energiewende in Bayern erarbeiten. Und zwar eines, das den mitunter völlig entgegengesetzten Interessen gerecht wird.

Der Freistaat könnte Zeit gewinnen

Das Angebot des Verbundchefs Anzengruber hat nun den großen Charme, dass der Freistaat zumindest Zeit gewinnen würde - und zwar gleich auf beiden Großbaustellen. "Was die Kraftwerkskapazitäten anbelangt, so können wir sie mit genauen Kennziffern hinterlegen", sagte Anzengruber. "Also mit vorhandenen Anlagen, ob das nun Pumpspeicher, Gasturbinen oder andere sind." Die Anlagen könnten exklusiv für Bayern zur Verfügung gestellt werden, sie könnten laufen, wann immer sie benötigt werden.

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Auch der Stromtransport nach Bayern kann Anzengruber zufolge ohne kostspielige und umstrittene Neubauten bewerkstelligt werden. "Das Übertragungsnetz zwischen Österreich und dem Freistaat hat eine Kapazität von 10 000 Megawatt", sagte der Verbundchef. "Das reicht völlig aus, um die Sicherheit der Stromversorgung jederzeit zu gewährleisten." Nur zwischen Niederbayern und Oberösterreich werde man perspektivisch eine Lücke schließen müssen. "Aber das ist nur eine kleine", sagte Anzengruber. "Das spielt sich auf einer Länge von zehn bis 20 Kilometern ab."

Aigner hält sich bedeckt

Ein verlockendes Angebot also angesichts all der Schwierigkeiten, in denen die Energiewende in Bayern steckt. Gleichwohl hält sich Wirtschaftsministerin Aigner bedeckt. Zwar traf sie am Montag beim bayerisch-österreichisch Energiekongress mit Anzengruber zusammen. Aber zu dem Angebot von Verbund wollte sie sich nicht äußern. Eine Sprecherin verwies auf den aktuellen Energiedialog. In seinem Rahmen prüfe man alle Möglichkeiten, damit die Stromversorgung des Freistaats auch in Zukunft sicher sei.

Die Verbund AG, die zu 51 Prozent der Republik Österreich gehört, ist der führender Stromversorger im Nachbarland und eines der größten Wasserkraftunternehmen Europas. 90 Prozent des Stroms, den Verbund produziert, ist Wasserstrom. In Bayern betreibt Verbund 22 große Wasserkraftwerke, die allermeisten am Inn. Zu Verbund gehört auch das Donau-Kraftwerk Jochenstein. Die Anlage ist das stärkste Wasserkraftwerk in ganz Deutschland. Seine fünf Turbinen bringen es auf 132 Megawatt Leistung und erzeugen ungefähr 850 Millionen Kilowattstunden Wasserstrom. Das ist so viel wie 300 000 Haushalte verbrauchen. Insgesamt stellen die 22 bayerischen Verbund-Wasserkraftwerke 5,8 Milliarden Kilowattstunden oder ein Drittel des bayerischen Wasserstroms her.