Energiewende Gaskraftwerke vor dem Aus

Eine Gasturbine in einem Werk von Siemens.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)
  • Seit März dieses Jahres steht die mit Gas befeuerte Dampfturbine des Augsburger Heizkraftwerks still.
  • Die Strompreise sind im Keller - und andere Formen der Energiegewinnung werden subventioniert.
  • Das Hauptprodukt der meisten Gaskraftwerke ist längst die Wärme, die bei der Verbrennung von Gas entsteht.
Von Stefan Mayr und Christian Sebald, Augsburg

In der Turbinenhalle beginnen die Augen von Markus Pröll zu blitzen. Vor ihm stehen nebeneinander - in knallorange und silbergrau - drei Wunderwerke deutscher Ingenieurskunst: der Generator von AEG, das Getriebe von Renk und die Dampfturbine von Siemens. 20 Megawatt stark, viele Millionen Euro teuer. Gedampft und gebrummt hat hier allerdings schon lange nichts mehr.

Seit März steht die mit Gas befeuerte Dampfturbine des Augsburger Heizkraftwerks still. Im Mai haben die Stadtwerke bei der Bundesnetzagentur die vorübergehende Stilllegung der Turbine angezeigt. Noch 2009 lief die Anlage mehr als 4000 Stunden im Jahr und spülte vier Millionen Euro in die Stadtkasse. Und jetzt? Stillstand. Man weiß nicht, warum Prölls Augen glänzen: Aus Begeisterung für die Technik oder aus Ärger über die Zwangspause für sein Kraftwerk?

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Der Grund für den Stillstand: "Die Strompreise sind in den Keller gesaust", sagt Pröll, "wir haben auf dem Markt keine Chance gegen den subventionierten Ökostrom und den billigeren Strom aus Atomkraft und Kohle." So wie den Augsburger Stadtwerken geht es den Energieversorgern überall in Bayern - allen voran Eon mit seinen Super-Gaskraftwerk Irsching, das es auf die Leistung eines großen Atomkraftwerks bringt. Laut Bundesnetzagentur gibt es im Freistaat 46 Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von 4262 Megawatt. Rein technisch gesehen können diese 46 Anlagen locker 30 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr liefern und damit 35 Prozent des gesamten Strombedarfs im Freistaat decken.

Immer weniger Gaskraftwerke in Bayern

Das klingt gut, aber die Realität sieht anders aus: Der Anteil der Gaskraftwerke an der Stromproduktion befindet sich im freien Fall. Noch 2011 lieferten sie mehr als 13 Milliarden Kilowattstunden Strom. 2013 waren es nur noch knapp neun Milliarden Kilowattstunden. Das ist ein Minus von 34 Prozent - binnen zwei Jahren. 2014 brach die Gasstrom-Produktion um weitere 1,5 Milliarden Kilowattstunden ein. Die Turbine in Augsburg lief 2014 noch 800 Stunden - statt wie früher 4000. Es gibt sogar Experten, die sagen, Bayerns Stromversorger ließen inzwischen ihre Gaskraftwerke keine einzige Stunde lang laufen, um Strom herzustellen, den sie am Strommarkt verkaufen wollen. Strom lieferten sie nur noch nebenbei.

Das Hauptprodukt der allermeisten Gaskraftwerke ist längst die Wärme, die bei der Verbrennung von Gas entsteht. Das zeigt auch das Augsburger Beispiel. Mit ihrer Fernwärme versorgen die Anlagen Wohnviertel, Schulen, Krankenhäuser und auch Industrie-Betriebe. Ansonsten werden Gaskraftwerke nur noch als Reserve benötigt, wenn einmal der Wind zu schwach bläst und die Sonne nicht scheint und deshalb zu wenig Ökostrom im Netz ist. Oder wenn die Kapazitäten des Fernleitungsnetzes nicht ausreichen, um den vielen Windstrom aus Norddeutschland nach Bayern zu transportieren.

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Besonders schlimm ist die Situation der fünf großen Gaskraftwerke, die ausschließlich Strom produzieren. Sie sind allesamt Anlagen des Energiekonzerns Eon. Unter ihnen sind die drei Turbinen des Gaskraftwerks Irsching bei Ingolstadt, die es auf eine Gesamtleistung von 1806 Megawatt bringen. Auch das Kraftwerk Franken in Nürnberg-Gebersdorf mit seinen beiden 395 und 448 Megawatt starken Blöcken ist ausschließlich für die Produktion von Gasstrom konzipiert.

Anders als die hochmodernen Turbinen in Irsching, die Eon zumindest vorübergehend stilllegen will, ist die Zukunft des Kraftwerks Franken jedoch offen. Zwar will sich Eon nicht dazu äußern. Aber der Bundesnetzagentur liegt noch keine Stilllegungsanzeige des Konzerns vor. Ohne sie darf Eon den Betrieb der Anlage aber nicht ruhen lassen.

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Windräder lösen die Gaskraftwerke ab

"An unserem Dilemma ist die Politik schuld", schimpft Klaus-Peter Dietmayer, Geschäftsführer der Stadtwerke Augsburg. "Der Kohlestrom wird gepampert - und unsere wirkungsvollere und umweltschonendere Technologie aus dem Markt gedrängt." Dietmayer sagt, er wolle nicht an der Energiewende rütteln. "Aber dass wir mit dem vielen Kohlestrom in den Leitungsnetzen mehr CO₂ emittieren als früher, ist ja wohl ein Schildbürgerstreich."

Am Niedergang der Gaskraftwerke wird sich wohl auch nichts ändern, wenn die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Denn bis dahin werden in Nord- und Ostdeutschland ausreichend viele Windräder stehen, um den Wegfall des Atomstroms zu kompensieren.

Dennoch lässt sich die Staatsregierung von der Gaskraft-Misere nicht beirren. Ministerpräsident Horst Seehofer und Wirtschaftsministerin Ilse Aigner halten strikt an ihrer Forderung fest, dass in Bayern wenigstens zwei neue Gaskraftwerke à la Irsching errichtet werden müssen. Ansonsten sei die Sicherheit der Stromversorgung hier gefährdet, lautet ihr Credo. Und wenn sich die Anlagen nicht am Strommarkt rechnen, dann müsse Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eben ein Förderprogramm auflegen. Gabriel hat dies bisher stets vehement abgelehnt, es deutet nichts darauf hin, dass er seine Position geändert hat. Aber Seehofer wird die Forderung am Mittwoch im Koalitionsausschuss der großen Koalition unbeirrt erneuern.

Der Augsburger Stadtwerker Pröll sagt vor dem Treffen der Koalitionäre: "Wir wollen ein stimmiges Konzept, das Land braucht endlich Sicherheit, in welche Technologie man investieren kann und in welche nicht." Neben seiner stillgelegten Anlage zeigt er auf eine Riesengrube, in die eine zweite Turbine passen würde. "Wir hätten einiges vorgehabt hier", sagt Pröll, "aber es geht nichts voran, weil es keine Planungssicherheit gibt."