Dinkelsbühl Wenn die denkmalgeschützte Altstadt ein Shopping-Center werden soll

Dinkelsbühl ist romantisch und beschaulich. Und bleibt es wohl auch. In den Häusern der Altstadt soll es nun doch kein Outlet-Center für billige Markenware geben. Viele Bürger hatten gegen die Pläne protestiert.

(Foto: Imago)
  • In der Stadt Dinkelsbühl in Mittelfranken wird heftig über ein geplantes City Outlet gestritten.
  • Das Outlet soll mitten in der denkmalgeschützten Altstadt entstehen.
  • Kritiker haben bereits Unterschriften gesammelt und somit die Entscheidung des Stadtrats verzögert.
Von Claudia Henzler, Dinkelsbühl

Peter Cichon, 60 Jahre alt, liebt seine Heimatstadt. Er ist gelernter Fachwirt für Telekommunikation, hat lange nebenbei als Stadtführer gearbeitet und macht gerne Musik. Sein freundliches Gesicht wirkt irgendwie grundsätzlich gut gelaunt. Zurzeit hat Cichon allerdings eher schlechte Laune, denn er befürchtet, dass Dinkelsbühl demnächst in ein Kleindisneyland für Einkaufswillige verwandelt wird. Um das zu verhindern, schreibt er Abgeordnete und Denkmalschützer an, stellt sich auf die Straße, sammelt Unterschriften und verteilt rote Postkarten mit dem Aufdruck "Ich will kein Outlet". Cichon ist einer der treibenden Kräfte in der Initiative Pro Altstadt, die gegen das geplante City Outlet mobilisiert.

Dinkelsbühl liegt an der Romantischen Straße zwischen Rothenburg ob der Tauber und Nördlingen. Viele Reisebusse legen dort einen Stopp ein, damit Besucher aus aller Welt für ein, zwei Stunden die malerische Altstadt an der Wörnitz erkunden können. Man ist stolz auf das unversehrte Stadtbild aus dem späten Mittelalter, die komplett erhaltene Stadtmauer, aber auch darauf, dass Dinkelsbühl mehr ist als eine romantische Kulisse. In der Altstadt wohnen mehr als 2000 Menschen, Cichon ist einer von ihnen.

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Ein paar einheimische Geschäftsleute und Investoren planen, die Einkaufsstraßen der Altstadt in ein Outlet-Zentrum zu verwandeln. Sie wollen Ladenflächen unter dem organisatorischen Dach einer gemeinsamen Gesellschaft an Händler weitervermieten, die Edelmarken zu Schnäppchenpreisen anbieten. "Ein breiter Branchenmix aus Fashion, Sport, Schuhe, Lederwaren, Home, Schmuck, Beauty und Outdoor", ist geplant. So steht es in einer Werbebroschüre für das "Romantic Outlet Dinkelsbühl". Vorbild ist ein ähnliches Projekt in der Stadt Bad Münstereifel in Nordrhein-Westfalen. Dort hatte 2014 das erste innerstädtische Outlet-Center Deutschlands eröffnet. Die gesamte Fußgängerzone ist jetzt eine Shopping-Meile für reduzierte Markenkleidung.

In Dinkelsbühl steht die Idee seit zwei Jahren im Raum, vorangetrieben wird sie von acht ortsansässige Unternehmern - Immobilienbesitzer, Einzelhändler, ein Rechtsanwalt. Die gaben erst eine Analyse in Auftrag, ob sich das Konzept auf ihre Stadt übersetzen ließe. Ergebnis: Ja, zwei Millionen Kunden und ein Umsatz von fast 35 Millionen Euro pro Jahr seien möglich. Dabei wird ein Einzugsgebiet von 60 Minuten zugrunde gelegt. Voraussetzung: Mindestens 10 000 Quadratmeter Ladenfläche müssen sie zusammenbekommen, verteilt auf 40 bis 50 Läden an den Hauptachsen der Altstadt. Zusätzlich engagierten die potenziellen Investoren noch Michael Haslinger, der auch in Bad Münstereifel beratend tätig ist. Er ist der Mann, der später die zahlungskräftigen Mieter für das Outlet-Center anwerben soll. Auf seiner Homepage ist die hübsche Werbebroschüre über das "Romantic Outlet Dinkelsbühl" zu finden, die den Eindruck erweckt, alles sei schon beschlossene Sache: "Eröffnung 2017/2018".

Viele Dinkelsbühler fühlen sich von dieser Entwicklung überfahren. Cichon wirft der Stadt vor, dass sie über die Köpfe der Bürger hinweg entscheiden will. Dabei spielt wohl eine Rolle, dass der Sprecher der möglichen Outlet-Investoren Klaus Huber heißt. Der Rechtsanwalt ist gleichzeitig CSU-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat und setzt sich auch politisch stark für das Projekt ein. Hinzu kommt, dass Bürgermeister Christoph Hammer (ebenfalls CSU) Aussagen wie diese macht: "Wenn nach Dinkelsbühl 30 Unternehmen kommen und 30 Häuser ankaufen oder mieten, dann bedarf das keiner Genehmigung der Stadt." Ganz so einfach, das fügt er hinzu, ist es aber doch nicht.

Sonderlich transparent wirkt der Entscheidungsprozess nicht

Tatsächlich werde der Stadtrat einen Grundsatzbeschluss fassen. Denn bei genauerem Hinsehen gibt es einige Dinge, über die die Stadt entscheiden sollte. "Wenn das Outlet kommt, brauchen wir auf jeden Fall mehr Parkplätze als bisher", sagt Hammer. Klärungsbedürftig sei auch, ob die Stadt Flächen zur Verfügung stellen müsste und wer sich um die Straßenreinigung kümmern würde. Der Stadtrat werde die Rahmenbedingungen festlegen, so Hammer. "Dann weiß jeder Unternehmer, worauf er sich einlässt." Das könnte zum Beispiel so aussehen, skizziert er: "Die Parkplätze müsst ihr auf eure Kosten bauen." Und im Hinblick auf Befürchtungen der Outletgegner, die ihre Altstadt mit Werbeschildern verschandelt sehen, sagt Hammer: "Es gilt die Baugestaltungssatzung und der Denkmalschutz. Davon gibt es keine Abweichen."

Peter Cichon ist hier geboren, nach einem Intermezzo in Nürnberg zog es ihn zurück nach Dinkelsbühl. Er fürchtet um den authentischen Charme der Stadt.

(Foto: oh)

Wenn Cichon und seine Mitstreiter nicht Unterschriften gesammelt und demonstriert hätten, wäre der Beschluss wohl schon gefallen. Nun verzögert sich alles. Die Stadt hat inzwischen selbst eine Studie in Auftrag gegeben, um Perspektiven für die Stadtentwicklung zu untersuchen. Sonderlich transparent wirkt der Entscheidungsprozess aber noch immer nicht. Erst war im Gespräch, dass der Stadtrat vor den Sommerferien über das Outlet entscheidet - noch bevor die Ergebnisse der Studie vorliegen.

"Ich will keinen Krieg haben"

Nun werde man vermutlich doch bis zum Herbst warten, stellte Bürgermeister Hammer vor wenigen Tagen in Aussicht. "Ich will keinen Krieg haben", sagt er. Spannend wird, ob dann ein Gesamtkonzept auf den Tisch kommt, in dem alle offenen Fragen angesprochen werden. Etwa der Investoren-Wunsch, in der Altstadt ein kleines Einkaufszentrum zu bauen, mit großen Verkaufsflächen für Marken wie Adidas oder Nike. Oder die Frage, bei wie vielen historischen Häusern die Wände durchgebrochen werden müssten, um größere Verkaufsflächen zu schaffen.

Einig sind sich Bürgermeister und Outletgegner, dass es Dinkelsbühl wirtschaftlich gut geht und die Altstadt kein akutes Problem hat. In den Einkaufsstraßen stehen zwar ein paar Läden leer, dramatisch sei die Situation aber nicht. Hammer befürchtet jedoch weitere Abwanderungen, wenn man nicht entgegenwirke: "Wie attraktiv wird die Stadt in zehn bis 15 Jahren sein?" Pro Altstadt trägt derweil alternative Konzepte für die Belebung der Innenstadt zusammen. Wie immer in solchen Fällen wird die Auseinandersetzung mit Zahlen geführt, die stark voneinander abweichen. Wie viele Leerstände es in Dinkelsbühl tatsächlich gibt, ist einer dieser Streitpunkte. Entscheidend wird am Ende sein, ob die Investoren die nötigen Ladenflächen zusammenbringen. "Durch unsere Aufklärungsarbeit steigt die Anzahl der Geschäfte, die dagegen sind", stellt Cichon zufrieden fest. In etlichen Läden kleben schon die roten Postkarten der Bürgerinitiative im Schaufenster.

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