CSU und Flüchtlinge Die Rosenheim-Angie

Gabriele Bauer floh als Neunjährige aus der DDR und weiß, wie es ist, in Turnhallen zu schlafen.

(Foto: Claus Schunk)

Im Herbst wurde Rosenheim zu einem der Brennpunkte der deutschen Flüchtlingspolitik. Trotzdem hält sich Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer nicht an den üblichen CSU-Sound.

Von Matthias Köpf, Rosenheim

Spätestens seit sie das große München gerade rechtzeitig zum Oktoberfest als wichtigster Ankunftsort für die Flüchtlinge in Oberbayern abgelöst hat, ist die Stadt Rosenheim zu einem der Brennpunkte der deutschen Flüchtlingspolitik geworden. Doch just während ihre CSU-Parteifreunde in Kreuth an immer neuen Forderungen zur Verschärfung dieser Flüchtlingspolitik feilen, hält Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer beim großen Neujahrsempfang ihrer Stadt eine Festrede, deren Tenor ein ganz anderer ist: Wir schaffen das.

Bauers Version dieses inzwischen so umstrittenen Leitspruchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel hört sich am Dienstagabend so an: "Rosenheim wird diese Integrationsleistung meistern, weil wir eine starke Stadt und ein starker Landkreis sind", ausgestattet mit "den Mitteln und dem Willen, denen zu helfen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind". In ihrer 61 000-Einwohner-Stadt, in der Bauer seit 2002 einen sehr konsensorientierten Amtsstil pflegt, bemühen sich vor allem die Grünen um ein bisschen Opposition. Doch in der Flüchtlingspolitik nennen selbst diese Grünen Bauer eher anerkennend als spöttisch "unsere Angela Merkel von Rosenheim". Vor der eigenen CSU-Fraktion lasse es die OB in dieser Frage nötigenfalls auch nicht an Deutlichkeit mangeln, sagen manche im Rathaus.

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Dabei schmückt sich die CSU mit der erfolgreichen Kommunalpolitikerin und hat sie längst in den Parteivorstand berufen. Doch daheim in Rosenheim nennt Bauer all die Beiträge zu Schengen und Dublin, zu Hotspots und Kontingenten, zu Obergrenzen und Verteilungsschlüsseln nur "vordergründige Diskussionen". Die wirkliche Frage sei, ob Deutschland die Hoffnungen der Flüchtlinge wirklich erfüllen könne, sagt Bauer, die sich aufs Gefühlige versteht und keinen Zweifel lässt, dass ihr das Thema ein Anliegen ist.

"Als Frau, die selber ein Flüchtling war", spricht Bauer zu ihren etwa 1000 Zuhörern und weicht mit dem Satz fast unwillkürlich von ihrem Manuskript ab. Sie hat ihre eigene Biografie nie groß nach außen getragen, doch seit ihre Eltern 1961 mit der neunjährigen Gabriele den politischen Pressionen der damaligen DDR gerade noch nach Westberlin entkommen konnten, weiß die heutige Oberbürgermeisterin von Rosenheim aus eigener Erfahrung, wie es ist, in Turnhallen zu schlafen. "Ich erlebe das jetzt alles wieder", wird sie später erklären. Nun suchten Menschen in Deutschland Zuflucht vor Verfolgung, Krieg oder purer Not.

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Eine Million im Jahr 2015, doch anders als viele Parteifreunde betont Bauer nicht die Zahl, sondern dass jeder der einst so fernen Flüchtlinge nun ein Gesicht bekommen hat. Und während andere so gern von Grenzen reden, will sie "das Gemeinsame über das Trennende stellen". Statt aus Ängsten Kapital zu schlagen, bittet sie: "Besiegen wir unsere Furcht, indem wir uns auf unsere Stärken besinnen."

Als Dissens mit dem aktuellen christsozialen Mainstream will Bauer ihre Rede aber nicht verstanden wissen. Sie vermeidet Kritik an manchen Wortmeldungen aus ihrer Partei so sorgfältig wie sie es vermeidet, ins selbe Horn zu stoßen. "Warum soll ich mich hinstellen und Obergrenzen fordern, wenn ich weiß, es wird nicht gemacht", fragt sie nur. Ansonsten verweist Gabriele Bauer auf die politische Arbeitsteilung: Ihr liege das Wohl aller Menschen in Rosenheim am Herzen. Auf Landes-, Bundes- und Europaebene könne sie nur appellieren: "Bitte tut etwas." Denn ein zweites Jahr wie 2015 lasse sich auch in Rosenheim kaum bewältigen.

Dass Bauer mit ihrer Haltung in Rosenheim nicht allein ist, zeigt der Beifall für ihre Rede. Dass sie es auch in der CSU nicht ist, zeigt das Beispiel von Alois Glück: Der einstige Chef das Landtagsfraktion und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hat vor einigen Tagen bei der Karlsfelder CSU christliche Werte im Umgang mit den Flüchtlinge angemahnt und dafür großen Applaus geerntet.

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