Schulen in Bayern Wie viele Lehrer braucht das Land?

Zahlenspiel: Es sind nie genug Lehrer, sagen die einen. Der Finanzminister sieht das allerdings anders.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Individuelle Förderung, Ganztag, Inklusion - das geht nicht ohne ausreichend Personal an den Schulen. Der Lehrerverband fordert zwei Pädagogen pro Klasse, 20 000 neue Kollegen seien nötig. Das Kultusministerium winkt ab und verweist auf bereits geschaffene Stellen.

Von Anna Günther

Über kein Thema wird in der Bildungslandschaft so gestritten wie über Lehrerstellen. Die Verbände beklagen zu wenig Jobs, die angestellten Lehrer streiken, weil ihre Zukunft mit befristeten Verträgen ungewiss und die Bezahlung schlechter ist als die der Beamten. Zugleich verlassen jedes Jahr junge Lehrer die Unis und stehen, wenn sie nicht zu den Besten gehören, nach dem Referendariat auf der Straße. Das Problem ist: Alle Seiten haben irgendwie recht.

Alles drängt zum G 9

Opposition, Eltern und Schüler wollen das neunjährige Gymnasium zurück: 60 Prozent der Siebtklässler an den 47 Pilotschulen haben sich angemeldet, auf dem Land sind es bis zu Dreiviertel eines Jahrgangs. Viele andere hoffen, dass 13 Schuljahre wieder Standard werden. Von Anna Günther mehr ...

Über die Ziele sind sich die Betroffenen sogar einig: gleichen Zugang zu Bildung und gute Abschlüsse für alle Kinder. Niemand soll zurückbleiben, es geht um (Bildungs-)Gerechtigkeit und damit ums Prinzip. Die Allheilmittel auf dem Weg zur Gerechtigkeit heißen individuelle Förderung, Ganztag und Inklusion. Doch da ist auch Schluss mit der Einigkeit: Heuer investiert das Kultusministerium 11,2 Milliarden Euro, 2016 sollen es 11,5 Milliarden Euro sein. Die Verbände beklagen, dass Herausforderungen wie Flüchtlingskinder, Inklusion und der Ganztag nur mit deutlich mehr Personal zu meistern sind.

BLLV verlangt deutlich mehr Lehrerstellen

Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) verlangt 20 000 zusätzliche Stellen für alle Schularten. Mit dem "Schönreden" der Politik, dass die Unterrichtsversorgung doch gesichert sei, fühlen sich die Lehrer auf den Arm genommen, sagt die BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Die Realität und der Blick der Politik klafften dramatisch auseinander. Trotz kreativem Vertretungsplan lassen sich Personallücken oft nicht stopfen und Stunden fallen aus. Die Mobile Reserve aus etwa 2300 Lehrern ist oft schon im Februar nicht mehr verfügbar. An individuelles Fördern sei nicht zu denken. Die Lösung sieht Fleischmann im Zwei-Lehrer-Prinzip: Nur so sei es möglich, sich einzelnen Schülern intensiver zu widmen. Eine Volksschule wie Fleischmanns im Münchner Umland bräuchte aus ihrer Sicht bei 35 Klassen und 80 Lehrern mindestens zehn zusätzliche Pädagogen.

"Ich bin keine Frau, die duckmäusert"

Erstmals in seiner Geschichte wird der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband von einer Frau geführt. Im SZ-Interview spricht Simone Fleischmann darüber, wie es ist, wenn politische Sonntagsreden mit der Realität kollidieren. Von Anna Günther mehr ...

Der Bayerische Philologenverband (BPV) argumentiert mit dem Modellversuch Mittelstufe Plus: Das Interesse daran überstieg mit 60 Prozent der Siebtklässler an den 47 Schulen alle Erwartungen. Nur die Gymnasien sollen mit ihrem normalen Budget auskommen, aber in vier Jahren wird es eine zusätzliche Jahrgangsstufe geben, dann müssen schlagartig neue Lehrer her - ginge die Mittelstufe Plus 2017 an allen Schulen in Betrieb, erst recht. "Wir dürfen nicht jetzt hoch qualifizierte Lehrer nach dem Referendariat auf die Straße setzen, die später dringend benötigt werden", sagt Lisa Fuchs, die Chefin der Referendare und Junglehrer im BPV.

Das ist die nächste Crux: Nur für einen Teil der Referendare gibt es Stellen. In den beliebten Fachrichtungen wie Deutsch/Geschichte oder Deutsch/Sozialkunde für das Gymnasium gilt ein Notenschnitt von mindestens 1,48 beziehungsweise 1,25. Beim Grundschullehramt sind es 2,29. Der Run auf Gymnasien und Realschulen ist auch mit der Bezahlung zu erklären, diese Lehrer verdienen besser als ihre Kollegen.