Vorsitzende des Bayerischen Lehrerverbands "Ich bin keine Frau, die duckmäusert"

Wenn es um Vertretungspläne und fehlende Lehrerstellen geht, will die neue BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann unbequem werden.

(Foto: lukasbarth.com)
  • Simone Fleischmann ist neue Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrer Verband.
  • 555 Delegierte wählten die 44-jährige Leiterin der Poinger Volksschule zu ihrer neuen Chefin, Klaus Wenzel tritt nach acht Jahren an der Spitze des BLLV aus Altersgründen nicht mehr an.
  • Fleischmann will die Schulen entschleunigen, um Kindern und Lehrern wieder Zeit für Bildung zu ermöglichen.
Von Anna Günther

Bayerns größter Pädagogenverband leitet nach 150 Jahren eine Zeitenwende ein: 80 Prozent aller Mitglieder im Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) sind Frauen, doch erst jetzt hat es eine von ihnen an die Spitze geschafft. 555 Delegierte wählten am Freitag in Augsburg das neue Präsidium und kürten Simone Fleischmann mit 88,7 Prozent der Stimmen zur Präsidentin. Klaus Wenzel gibt sein Amt nach acht Jahren an die Poinger Volksschulleiterin ab, die bisher im BLLV die Abteilung Berufswissenschaft leitete.

Wenzel engagierte sich 33 Jahre lang im Landesvorstand des BLLV, die letzten Jahre vor seinem Eintritt in den Ruhestand als Präsident. Seine scharfen Aussagen fürchtete so mancher Politiker. Und auch wenn Kultusminister Ludwig Spaenle sich in seiner Rede bei der BLLV-Delegiertenversammlung ausdrücklich für die "für die Zusammenarbeit und den kontinuierlichen Informations- und Erfahrungsaustausch" bedankte, dürfte Wenzel dem Ministerium manches Mal unangenehm gewesen sein.

Klaus Wenzel MUE, München, 27.04.2015: BLLV-Präsident Klaus Wenzel. Foto: Lukas Barth

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Fleischmann will den Finger in die Wunde legen

Die neue Präsidentin Simone Fleischmann will ihm da in nichts nachstehen und besonders dann unbequem werden, wenn es um fehlende Stellen und Klassengrößen geht. Die Erwartungen der Politiker und die Realität in Bayerns Schulen klafften teilweise deutlich auseinander. Etwa bei der Ganztagsschule - einem Projekt der Staatsregierung, dass der BLLV unterstützt - habe es im Schulversuch 19 zusätzliche Schulstunden gegeben, jetzt seien es an der Grund- und Mittelschule nur noch zwölf. "Da will ich den Finger in die Wunde legen", sagt Fleischmann.

Dass sie die erste Frau an der Spitze des BLLV ist, sieht die 44-Jährige gelassen. Sie ist seit 25 Jahren im Verband aktiv, leitet seit acht Jahren die Abteilung Berufswissenschaft und ist ebenso lang Rektorin an der Poinger Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule. So schnell lasse sie sich nicht einschüchtern. "Ich bin keine Frau, die duckmäusert, wenn sie schräg von der Seite angemacht wird", sagt die Münchnerin. Das glaubt man ihr sofort. Fleischmann ist locker, lacht viel und macht Scherze, aber wenn das Gespräch auf Vertretungspläne, Lehrerstunden oder den Übertritt nach der vierten Klasse kommt, wird ihre Stimme fest. Und laut.

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Fleischmann will die Linie des BLLV fortsetzen und eigenen Akzente setzen, gerade wenn es um zwei Lehrkräfte in den Klasse geht oder um die Diskrepanz zwischen den Ideen der Politiker und der Realität in den Schulen Bayerns. Eines ihrer großen Ziele ist die Entschleunigung des Schulalltags, "Schüler und Lehrer stehen unter hohem Zeitdruck", sagt Fleischmann, da bleibe vieles auf der Strecke, was eigentlich Sinn von Bildung sei. Weil Personal fehle, müssten Lehrkräfte Klassen oft doppelt führen oder Kollegen vertreten. Viel Raum für Ruhe und Muße im Umgang mit Schülerinnen und Schülern bleibe da nicht.

Die Delegierten verabschiedeten ein Manifest für mehr Zeit in der Schule

Im Rahmen der Delegiertenversammlung befassten sich die Lehrer mit den Kernzielen der nächsten vier Jahre und verabschiedeten ein Manifest für mehr Zeit. Darin fordert der BLLV, die Unterrichtsversorgung sicherzustellen, Zeitressourcen zur Verfügung zu stellen, die Schulleitungen zu stärken, die Lernzeit neu zu strukturieren und das Arbeitsschutzgesetz ernst zu nehmen. "Das Fehlen von Zeit, Vertiefung, Reflexion im Schulalltag ist eines der größten Probleme, die Schule hat", sagt Fleischmann.

Der Freistaat habe genug Geld, sagt Fleischmann, allein in den vergangenen vier Jahren habe Finanzminister Markus Söder 23,7 Prozent mehr Steuern eingenommen als erwartet, die BIldungsausgaben seien aber nur um 15 Prozent gestiegen. "Das darf man sagen und auch mal in Visionen denken, wir wissen doch, dass zwei Lehrer der Garant für Bildung sind", sagt Fleischmann. Es gebe nun mal Mittelschulklassen, in denen man als Lehrer alleine mit 16 Kindern untergehe.

Sie entwickelte schon als Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft ein Projekt, bei dem Bildungspolitiker sich die Realität in den Schulen anschauen sollen und sieht darin den Weg, auch im Ministerium vorwärts zu kommen. Die Erzählungen aus der Realität hätten noch jede Sonntagsrede geschlagen, sagt Fleischmann.Sie weiß, wie es ist, wenn die Aussagen von oben dem Empfinden der Basis entgegenstehen: "Der Minister sagt dann, die Unterrichtsversorgung sei gesichert. Und der Kollege draußen sieht den Vertretungsplan und ärgert sich. Da fühlst du dich doch... na ja."