Biathlon-Camp in Ruhpolding "Jetzt Luft anhalten - und peng!"

Millionen Deutsche fiebern bei der Biathlon-WM in Ruhpolding vor dem Fernseher mit, doch nur wenige haben den Sport schon selbst ausprobiert. Im Camp von Olympiasieger Fritz Fischer in der Chiemgau-Arena lernen Amateure, wie man schießt und skatet - und dass Biathlon zwar mühelos aussieht, aber ein Kampf um jeden Meter ist.

Von Anna Fischhaber, Ruhpolding

50 Meter liegen zwischen Peter Held, der mit gespreizten Beinen auf dem Bauch liegt, seinem orangen Kleinkalibergewehr, vier Kilogramm schwer, und der schwarzen Scheibe. Seine Hand zittert, der Atem rast. Die klirrende Kälte scheint er nicht zu spüren, jetzt geht es nur noch darum, ins Schwarze zu treffen. "Jetzt Luft anhalten und peng!", schreit der Trainer. Treffer. Sein Schützling rappelt sich hoch, fällt fast über seine eigenen Stöcke - und stolpert weiter.

Peter Held verpasst kein Biathlon-Rennen im Fernsehen, nun steht der 30-Jährige zum ersten Mal selbst auf Langlaufskiern und kämpft um jeden Meter. Denn was auf dem Bildschirm wie ein elegantes Gleiten aussieht, ist harte Arbeit. "Dass das schwer ist, habe ich mir schon gedacht. Aber so brutal schwer?" Held versucht seine Skatingskier in V-Form zu bringen, wie es der Trainer gerade erklärt hat. Er stöhnt, dann liegt er wieder im Schnee.

Natürlich ist das, was an diesem Samstagabend in der Chiemgau-Arena stattfindet, kein echter Biathlon-Wettkampf, sondern nur ein Probetraining für Touristen - an dem Ort, wo normalerweise die Weltspitze übt. Vielleicht will sich deshalb niemand blamieren. Beim Schießen läuft es bei Held und seinen Mitstreitern besser. Der ein oder andere erzählt stolz von seiner Bundeswehrvergangenheit. Dabei hat Biathlon sein Image als Kriegssport längst verloren und ist zum Volkssport avanciert.

Vielleicht weil die Kombination aus Langlaufen und Schießen eigentlich einfach ist. Das behauptet zumindest Fritz Fischer, Urgestein des Biathlons und 1992 selbst Olympiasieger. Er hat in seiner Heimat Ruhpolding ein Biathlonzentrum für den Nachwuchs gegründet. Erst nur für die Profis, dann - als der Sport immer beliebter wurde - auch für das gemeine Volk. Für den Biathlon braucht man nur drei Dinge: den Willen, sich zu schinden, ein sicheres Auge und keine Selbstzweifel, erzählt Fischer oft.

An diesem Samstagabend Ende Januar taucht er in der Chiemgau-Arena nicht auf. Vielleicht ist er mit den Vorbereitungen für die Biathlon-WM, die am Mittwoch in Ruhpolding beginnt, beschäftigt. Vielleicht ist ihm die Begeisterung für den Sport auch einfach zu viel geworden. Wochenende für Wochenende ist Fischers Camp inzwischen ausgebucht - obwohl die nicht einmal drei Stunden Training 119 Euro kosten.

"Wie beim Schwimmen"

Statt Fischer versuchen nun sechs seiner Trainer den knapp 40 Teilnehmern die Faszination des Biathlons näherzubringen. Unter ihnen Sportlehrer aus der Umgebung und Wintersportanalphabeten, gestresste Manager und fitte Rentner. "Wie beim Schwimmen. Und immer aufs Gleichgewicht achten", ruft Trainer Hubert Gutsjahr und lächelt seinen stolpernden Schülern aufmunternd zu. Er weiß wovon er spricht, Gutsjahr hat selbst schon Tausende Kilometer auf Langlaufskiern zurückgelegt und einige nationale Preise in Ruhpolding eingeheimst.

Drei Weltmeisterschaften fanden seit 1979 hier statt, vom 29. Februar bis zum 11. März trifft sich in der für Millionen Euro renovierten Chiemgau-Arena wieder die Weltspitze. Vor der Touristeninformation im Ort werden auf einer Leuchttafel die Sekunden bis zum WM-Start gezählt. Viel mehr als Biathlon gibt es in Ruhpolding nicht. Etwa 6000 Einwohner hat der Ort im Chiemgau - und noch einmal fast so viele Gästebetten. Zur Biathlon-WM werden bis zu 300.000 Zuschauer erwartet, erfährt man im Tourismusamt. "Wie alle Ferienorte hier kämpfen wir um jeden Besucher", sagt die freundliche Dame. "Und so ein Event zieht die Leute natürlich magisch an."

"Die Anspannung steigt täglich", verkündete jüngst der Rathauschef. "Ich spüre, wie das Interesse der Einwohner ständig zunimmt, da entwickelt sich ein richtiger Kampfgeist." Doch längst nicht alle im Ort sind so glücklich über den Hype, der um die größte Wintersportveranstaltung des Jahres gemacht wird. "Im Gemeinderat geht es um nichts mehr anderes", schimpft ein Taxifahrer. Wie viele Einwohner mag er den Ausnahmezustand im Ort nicht besonders. "Das Krankenhaus wird dichtgemacht, aber für die WM ist Geld da. Und dann stapeln sich hier wieder die Besoffenen."

Das Oktoberfest Ruhpoldings

Ende Januar ist in Ruhpolding trotz bevorstehender WM, Wellnessbad, Holzknechtmuseum und kilometerlanger Loipen nur wenig los. Nebel hängt über dem Kurpark, nur ein paar verlassene Holzbuden stehen bereits. Zur WM soll sich der Rasen wieder in einen Champions-Park verwandeln - dann werden hier die Sieger geehrt und anschließend wird gefeiert. Die Biathlon-WM ist das Oktoberfest Ruhpoldings, mit Bierzelten und Dorfparty, sogar eine Oben-ohne-Bedienung war einst geplant.

Noch ist davon in Ruhpolding nichts zu spüren, in der Chiemgau-Arena sind die Ränge leer. Nur ein paar wenige Zuschauer trotzen der Kälte und jubeln den Amateurbiathleten tapfer zu. Die haben inzwischen ihr Training absolviert und Trikots für den Staffellauf übergezogen - nun sind sie zumindest äußerlich kaum noch von ihren Idolen zu unterscheiden. "Um richtig Skaten zu lernen, braucht man einen ganzen Winter und nicht zwei Stunden", beruhigt der Trainer seine Schützlinge noch einmal. "Und beim Laufen kann man noch so schlecht sein - beim Schießen holt ihr alles wieder raus."

Dann geht es los. Pulverqualm breitet sich über der Arena aus, auch Held hat nun der Ehrgeiz gepackt. "Du schaffst es", feuert er einen Mitstreiter aus seiner Gruppe an. Dann ist er selbst dran. "Drei von fünf" ruft er stolz, als er sich vom Schießstand aufrappelt. Noch zwei Strafrunden, dann ist es geschafft. Und plötzlich sitzt auch der Skatingschritt. Am Ende reicht es für seine Gruppe für den dritten Platz. Und für eine Medaille. Auch wenn die in Fischers Biathlon-Camp jeder bekommt.

Mehr Informationen unter www.biathloncamp.de