120. Geburtstag der Bayern-SPD Seehofer rühmt die Sozialdemokratie

Der Auftritt dürfte manchen CSU-Wahlkampfstrategen ins Schwitzen bringen: Ausgerechnet CSU-Chef Seehofer feiert die Bayern-SPD zum 120. Geburtstag als "echte Volkspartei" - und bekommt dafür viel Lob vom Bundesvorsitzenden Gabriel. Andere Gratulanten setzen lieber auf Angriff.

Von Wolfgang Wittl

Später wird Horst Seehofer behaupten, dass ihn das alles keine Überwindung gekostet habe. Doch wer den Ministerpräsidenten und seine Lust am Frotzeln kennt, stellt fest, dass er an diesem Tag besonders genau auf seine Worte achtet. Die bayerische SPD feiert 120. Geburtstag. Seehofer ist einer der Festredner, dem es tatsächlich gelingt, das Publikum für sich einzunehmen.

Christian Ude, sein Herausforderer bei der kommenden Landtagswahl, würdigt Seehofers Worte als "herausragendes Beispiel politischer Kultur". SPD-Landeschef Florian Pronold schwärmt von "moderner gelebter parlamentarischer Demokratie" und der Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel lobt: "Ich finde, du bist ziemlich tapfer." Manchmal vergisst man fast, wer hier einen Ehrentag begeht: die Sozialdemokratie oder der CSU-Chef.

Gut 300 Gäste sind gekommen, fünf Mal so viele wie am 26. Juni 1892, als der SPD-Landesverband Bayern gegründet wurde. Das Gebäude im Regensburger Stadtteil Reinhausen steht heute noch, eine Gedenktafel erinnert an den historischen Akt. Im Inneren geht es inzwischen weniger sozial zu. Zahlreiche Spielautomaten haben nur einen Sinn: den Gästen Geld abzuknöpfen.

Der Auftritt von Horst Seehofer im Kolpinghaus hingegen ist von einer Warmherzigkeit, die einen CSU-Wahlkampfstrategen ins Schwitzen bringen kann. Die SPD sei die Schutzmacht der kleinen Leute, ruft Seehofer, "eine echte Volkspartei".

Ganz Bayern blicke "mit Dankbarkeit und großem Respekt" auf die Geschichte der SPD, die vor allem dann stark gewesen sei, als es um historische Weichenstellungen ging: die Gründung des Freistaats, das Frauenwahlrecht, der Widerstand im Nationalsozialismus. Die Ablehnung des Ermächtigungsgesetztes durch die SPD gehöre zu den "edelsten und besten" Momenten der Demokratie, rühmt Seehofer. Es sind Sätze, die in der CSU nicht allzu oft fallen.

"Wir müssen künftig auch mal gewinnen"

Andere Gratulanten nehmen sich weniger zurück. Margaret Bause, die Fraktionssprecherin der Grünen im Landtag, ruft die SPD zum gemeinsamen Machtwechsel in Bayern auf. 55 Jahre Opposition seien genug. Der letzte SPD-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner regierte übrigens sogar mit einem Viererbündnis. Zum 125. Jubiläum könne Seehofer seine Grüße dann ja als Oppositionsführer bestellen, sagt Bause.

Ein Gedanke, der Christian Ude gut gefällt. Er erinnert daran, dass der Freistaat "kein Geschenk der Wittelsbacher an die CSU-Landesleitung" gewesen sei, sondern das Verdienst des Sozialdemokraten Kurt Eisner. Tradition? Schön und gut, sagt Ude, aber "wir müssen künftig auch mal gewinnen".

Denn der Freistaat dürfe "nie die Beute einer einzigen Partei sein", wie Landeschef Pronold anmerkt. Soziale Gerechtigkeit, Bildung, Energiewende - all diese Themen glauben die Sozialdemokraten besser umsetzen zu können als die CSU, das lassen sie Seehofer unverblümt wissen.

Das war wieder der alte Seehofer

Sorgen muss man sich um den Ministerpräsidenten jedoch nicht machen, die SPD-Granden wissen seinen Besuch durchaus zu schätzen. Was die bayerischen Genossen denn mehr Kraft gekostet habe, fragt der viel über Mindestlohn und ein gemeinsames Europa sprechende Parteivorsitzende Gabriel: "den CSU-Chef einzuladen oder mich als Preußen?" Von Christian Ude bekommt Seehofer "zur Entlastung" sogar offiziell attestiert, dass er nach Udes Rede nicht geklatscht habe.

Nun, da habe er sich allerdings auch nicht gerade eisern zurückhalten müssen, wird der Ministerpräsident später sagen. Er habe den Eindruck, dass er mit der SPD fair umgegangen sei - wie die SPD auch mit ihm. Solange sich die Kritik auch in Zukunft auf Wackersdorf und den Transrapid beschränke - politischen Projekten also, die weit vor seiner Zeit als Ministerpräsident liegen -, dann werde seine Zufriedenheit auch bis zu den Wahlen im kommenden Herbst andauern.

Das war wieder der alte Seehofer, der sich in seiner Rede so sehr beherrscht hatte. Er wünsche der SPD viel Erfolg, das sage er im Vollbesitz seiner Kräfte: "Über das Ausmaß des Erfolgs lassen Sie uns nächstes Jahr streiten."