Zukunft der deutschen Traditionsmarke Überall ist Feuer unterm Dach

Auch in anderen Bereichen kommen sich die Partner nur langsam näher. Statt mit Mercedes zu kooperieren, stellt Renault seinen geplanten Mittelmotor-Sportwagen Alpine gemeinsam mit dem englischen Kleinserien-Hersteller Caterham auf die Räder. Statt gemeinsam moderne Dreizylinder in Angriff zu nehmen, beschränkt sich der Motoren-Deal auf Diesel-Vierzylinder. Statt das Smart-Comeback zusammen anzugehen, warfen die Franzosen schon bei der Neuauflage des Fortwo das Handtuch.

Auch am anderen Ende der Skala ist Feuer unterm Dach. Denn Daimler will sparen, müsste aber eigentlich investieren. Zum Beispiel in neue Technologien zur Senkung der CO2-Emissionen, in neue Aggregate mit hoher Verblockung, in eine evolutionsfähige Elektronik-DNA, in strategische Skaleneffekte, in mehr Flexibilität zwischen den Baureihen.

Dies ist schlichtweg überlebensnotwendig, denn mit der Kompaktklasse kann Mercedes nie das Geld verdienen, das die Entwicklung der großen, ertragreichen Autos verschlingt. Damit dieser Ertrag stabil bleibt, muss der hohe Preis durch einen entsprechenden Gegenwert gerechtfertigt sein. Anders ausgedrückt: der Kunde erwartet vom Stern keine Massenware, sondern Fahrzeuge, die man anderswo nicht bekommt. Zum Beispiel ein viertüriges Luxuscoupé, ein viertüriges oder zumindest viersitziges Cabrio, einen Flügeltürer, ein neues G-Modell, den fortschrittlichsten Plug-in Hybrid. So gesehen, steht Mercedes am Scheideweg. Entweder man spart und akzeptiert in der Folge weniger Vielfalt und mehr Kompromisse. Oder man stellt den gesamten Apparat konsequent um auf mehr Stringenz und weniger Komplexität. Und zwar zeitnah.

Smart trägt nicht die Schuld am Mercedes-Dilemma, aber das 1994 ausgehobene Milliardengrab ist symptomatisch für die Erosion des Sterns. Auch der neue, gewöhnungsbedürftig gestylte Fortwo (2013) kann weder die Portfoliolücke zu Mercedes schließen, noch für irgendwelche Skaleneffekte zwischen den beiden Marken sorgen. Während rund ein Fünftel aller Mini-Kunden, die bald zwischen neun Varianten wählen können, irgendwann einen BMW kaufen, wechselt kaum ein Smart-Besitzer später zu Mercedes. Auch das Design des viersitzigen und viertürigen Forfour (2014) erinnert an den erfolglosen Toyota IQ, wobei vor allem die um über zehn Zentimeter gewachsene Breite die Eignung als Stadtwagen mindert. Der effiziente Diesel-Antrieb fiel ebenso dem Rotstift zum Opfer wie das einst serienmäßige automatisierte Schaltgetriebe. Das Kernproblem: Anders als Mini ist Smart nicht Premium, anders als BMW i sind selbst die E-Smarts nicht durchgängig grün, anders als ein Audi A1 profitiert Smart nicht vom Abstrahleffekt der Hauptmarke.

Während sich die B-Klasse als Auffangbecken für verprellte A-Klasse-Fundamentalisten beweisen soll, will die Marke mit dem kommenden CLA eine Gegenposition zum Audi A5 und zum nahenden BMW Dreier GT aufbauen. Das viertürige Coupé (2013) und der davon abgeleitete Shooting Brake (2014) haben beinahe C-Klasse-Format, sind in der Herstellung aber deutlich günstiger. Der GLA rundet 2014 als kompakter Lifestyle-Crossover die Palette ab. Alle drei Modelle polarisieren durch ihr flamboyantes, nicht immer praxisorientiertes Design. Hoffnung auf einen Hauch Nonkonformismus macht ein noch nicht beschlossenes, kantig-pfiffiges G-Modell im Kompaktformat. Strategisch korrekt, aber zu spät setzt Mercedes auch in anderen Segmenten auf neue SUV und Crossover. In Planung sind ein hübscher und nicht mehr kantiger GLK-Nachfolger, eine Coupé-Variante der M- und GLK-Klasse und eine Evolution der G-Klasse.