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Mercedes SL:Leidenschaft und Mäßigung

Im aktuellen Mercedes SL vereint sich Traditionsbewusstsein mit neuem Denken.

So wie die Dinge nun mal liegen, müssen Sportwagen künftig wohl vor allem eines können: langsam fahren. Denn die Spielräume für freie Fahrt auf freien Straßen schrumpfen zusehends, die Verkehrsdichte wächst, der Schilderwald auch. Schlechte Zeiten also für die Hau-drauf-und-Schluss-Autos mit knallharter Federung und nervtötendem Auspuff-Sound, die jede Langstreckenfahrt zur Tortour für die Insassen macht.

Nachgelegt

Wer einen SL bisher als ambitionierte Seniorenschaukel betrachtet hat, lernt mit diesem um: Süddeutsche.de fuhr den neuen Mercedes-Roadster.

(Foto: STG)

So einer war der Mercedes SL sowieso nie. Gekleidet ins schlanke Gewand eines Zweisitzers, offen oder geschlossen, war er von Anbeginn in den fünfziger Jahren stets der verbindliche Reisesportwagen - ohne die gnadenlose Härte eines Porsche 911, den Radau hochgezüchteter Motoren, ohne hämmernde Federn und schlagende Lenkung. Von der "Essenz der kultivierten Sportlichkeit" spricht man bei Daimler. Und hat Recht, denn gemeint ist die jüngste Generation, die am 31. März in den Handel kommt und ein ganz neues SL-Kapitel aufschlagen soll.

SL 500: 125 Kilogramm leichter als der Vorgänger

Um den Klassiker in die Neuzeit zu überführen, konzipierte man ihn von Grund auf neu - und das durchaus im Wortsinn. Zum ersten Mal hat Mercedes hier einen Vollaluminium-Rahmen in der Großserie verwirklicht, andere Materialien wie Magnesium oder Stahl werden kaum noch verwendet. Lohn der Mühen: Hohe Steifigkeit, mehr Sicherheit und ein optimiertes Schwingungsverhalten. Und vor allem: viel weniger Gewicht. Der SL 350 ist unterm Strich 140 Kilo leichter als sein Vorgänger, der SL 500 noch 125 Kilo - und das, obwohl die Karosse gegenüber der letzten SL-Generation sogar gewachsen ist. Länger und breiter ist der Neue geworden, zwar nur ein wenig mehr als fünf Zentimeter, aber man sieht ihm das an.

Womit wir beim Design wären. Zugegeben, wir hätten uns eigentlich eine größere optische Nähe zum glattflächigen SLS gewünscht. So gibt es wieder ein bisschen viel Deko hier und da. Und wie schon beim neuen SLK irritiert auch hier der Kontrast zwischen männlich herber Front mit betont eckigen Scheinwerfern, die sich der harmonischen Linie verweigern, und der weiblich eleganten Weichheit des Hecks. Was uns dennoch gefallen hat: die verchromten Stege auf den Lufteinlässen vor der Frontscheibe im Blickfeld des Fahrers - eine Verbeugung vor dem Ur-SL vor 60 Jahren.

Der Innenraum ist über alle Zweifel erhaben

Tadellos dagegen der Innenraum - den Menschen auf den Leib geschneidert, schön anzuschauen, noch besser darin zu sitzen, alles in Griffweite, schweres Leder ringsum. Das hat Klasse, zweifellos.

An sich müsste man jetzt über die Motoren schreiben. Wie stark, wie sparsam, wie kultiviert, uns so weiter. Stattdessen verleitet uns die Ungeduld, einfach den Startknopf zu drücken und das Ohr mit dem sanften Grummeln des Fünfliter-V8 zu massieren, der übrigens als einziger Motor zur Testfahrt antrat. Den Sechszylinder (Daten siehe unten) heben wir uns zwangsläufig für später auf.

Also: auf Tastendruck in weniger als 20 Sekunden das Variodach im Kofferraum versenkt, das es, nebenbei, gleich in drei Varianten gibt: konventionell lackiert, als Glashaube oder gleich als, O-Ton Mercedes, Panorama-Variodach mit Magic Sky Control. Das bedeutet, dass sich seine Transparenz auf Knopfdruck wahlweise dunkel oder hell schalten lässt. Und dann los, den Wind ums Gemüt, den Kopf in spanischer Sonne.

Spontane Leistungsabgabe des bärenstarken Fünfliters

Wer einen SL bisher als eine Art ambitionierte Seniorenschaukel betrachtet hat, lernt mit diesem um. Spontane Leistungsabgabe des bärenstarken Fünfliters, der bei voller Beschleunigung einen satten Bass Richtung Magengrube schickt, aber sofort in Säuselton verfällt, wenn man das Gaspedal auf Gleitniveau liftet. Dazu ein Handling erster Güte, und Fahrkomfort sowieso. Der SL wird mit zwei unterschiedlichen Federungssystemen angeboten, serienmäßig mit einer semiaktiven Verstelldämpfung, auf Wunsch dagegen mit einer aktiven Fahrwerkregelung namens Active Body Control (ABC). Beide sind aber selbst in Sportstellung noch vorbildlich komfortabel Die elektromechanische Lenkung dirigiert auf der Autobahn seelenruhig, auf der Landstraße dagegen präzise und wieselflink, mit bester Rückmeldung vom Asphalt.

Und der mechanische Grip verblüfft obendrein: Vorbei sind offenbar die Zeiten, als leistungsstarke SL auf kurvigen Pisten mit dauerflackerendem ESP-Licht unterwegs waren. So rollt man denn dahin, den Fünfliter-V8 nicht weit vom Idealverbrauch - er soll immerhin um 22 Prozent gesenkt worden sein - von Warmluft aus den Sitzdüsen befächelt und von der elektronischen Dienerschaft namens Assitenzsystemen aufmerksam beschützt, dazu beschallt von einem neuen Frontbass-System, das die Hohlstrukturen vor dem Fußraum als Resonanzvolumen nutzt.

Wenn Sportwagen überhaupt noch in die Zeit passen, denkt man sich da, dann solche.