VW-Abgas-Skandal Der Diesel soll die USA erobern

Am 25. April 2008 stellt der damalige VW-Chef Martin Winterkorn die neue Maschine schließlich in Wien vor. Sie ist, so sagt es Winterkorn, gedacht vor allem für den US-Markt, für den Jetta. Er schwärmt in seinem Abschlussvortrag davon, "dass wir (damit) unsere Vorreiterrolle in der TDI-Technologie weiter ausbauen".

Formal hält VW mit dem neuen Diesel die Regeln der strengen kalifornischen Abgastests ein. Was er natürlich nicht sagte: Im Normalbetrieb, also im regulären Straßenverkehr, wurde die Abgasnachbehandlung, die im Testlabor so wunderbar funktionierte, mehr oder weniger abgeschaltet.

Warum aber wurde bei VW nachgeholfen? Insider sagen: Weil die Wolfsburger ihren "Clean Diesel" zum Massenmodell machen wollten. Der Präsentation in Wien waren in den zwei, drei Jahren zuvor lange Diskussionen in Wolfsburg vorangegangen. Denn es wurde über Alternativen gesprochen. Wolfgang Bernhard, damals Chef der Marke VW und zuvor für Mercedes tätig, plädierte für eine Kooperation mit den Stuttgartern beim Clean Diesel. Mercedes holte sich einen Motorenentwickler ins Haus, der den Vierzylinder-Motor für die USA weiterentwickeln sollte; er war so gut wie der damalige Audi-V6-Motor, nicht allzu teuer und effizient genug, um die strengen Abgasvorschriften in den USA einzuhalten. Im Gespräch war ebenfalls die "Bluetec"-Lösung, die von den deutschen Herstellern gemeinsam in den USA vorangebracht werden sollte. Dabei wird Harnstoff, auch Adblue genannt, ins Abgas gespritzt. "Ohne Bluetec schaffen wir das in den USA nicht", berichtet einer, der damals dabei war.

Angst und Arroganz

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Daimler-Technologie in Wolfsburg? Nicht mit Winterkorn

Doch Anfang 2007 übernahm der Schwabe Winterkorn die Führung in Wolfsburg und begrub die Kooperationspläne; Bernhard musst gehen. Der Motorenentwickler, der bis dahin an die zwei Jahre an dem Projekt gearbeitet hatte, wurde ausgetauscht. Daimler-Technologie in Wolfsburg? Das war nicht mehr erwünscht.

Die Zeit in Wolfsburg wurde jetzt knapp: Der bisherige Jetta mit TDI-Motor war in den USA ausgelaufen, doch der blitzsaubere Nachfolger ließ auf sich warten. VW musste die Markteinführung des Jetta BlueTDI von Ende 2007 auf August 2008 verschieben. Insider berichten von desaströsen Zuständen bei dem US-Motorenprojekt, auf einmal passte nichts mehr. In einem Höllentempo versuchten sie, EA 189 zu retten.

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Wie ein Raumschiff mit Hightech vollgestopft

Jetzt schlug die Stunde der Software-Entwickler, die den Diesel zum Superhirn aufrüsteten: Mit zehn verschiedenen Betriebsmodi sollte die Motorsteuerung allein die verschiedenen Abgas-Komponenten vom Partikelfilter bis zum Schwefelspeicher bei Laune halten. Doch selbst die Spezialisten in der Abteilung Niedrigstemissionsmotoren wussten bald nicht mehr weiter. Unter Hochdruck wurden Komponenten ohne die sonst üblichen Langstreckentests eingesetzt. Schon bald sprengte der Jetta BlueTDI den Kostenrahmen - nicht zuletzt auch, weil er, um die Abgaswerte zu verbessern, einen größeren Speicher-Katalysator bekam.

Der Jetta BlueTDI für die USA war so vollgestopft mit Hightech-Geräten wie ein Raumschiff. Doch in der Praxis funktionierte die Technik offensichtlich nicht wie geplant. Also schalteten sie den Katalysator einfach ab, um ihn im Alltag zu schonen. Eine Art Schalter wurde dazu einprogrammiert in die Motorsteuerung, "keine komplizierte Technik", sagt Professor Manfred Broy von der Technischen Universität München, das könnten seine Studenten "mit links" programmieren. Und: "Die Bedingungen für das Ein- und Ausschalten einer Abgasnachbehandlung aus dem Motordatennetz auszulesen - das ist wirklich trivial."

Trivial, aber eben streng verboten. Der Rest der Geschichte ist: der größte Skandal in der VW-Historie.

Niemand kontrolliert, niemand misst nach

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