Volkswagen Herbert Diess krempelt den VW-Konzern um

Der neue Chef will den Wolfsburger Konzern gründlich umbauen.

(Foto: dpa)
  • Eins ist nach dem Machtwechsel bei VW klar: Der neue Chef Herbert Diess wird die Zukunftsthemen im Konzern schneller vorantreiben als Vorgänger Matthias Müller.
  • Die Elektromobilität für für Volkswagen besonders wichtig. Vor allem die Marke Audi muss hier erfolgreich sein.
  • Bei all seinen Vorhaben muss Diess teure Fehler wie bei seinem früheren Arbeitgeber BMW vermeiden.
Von Joachim Becker

Shakespeare hielt die ganze Welt für eine Bühne, Volkswagen liefert den besten Tragödienstoff: Auftritt der Königsmörder in Wolfsburg, Abgang Matthias Müller. Der Interimschef erfuhr von seiner Absetzung einen Tag vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung. Genauso unvermittelt war er im Herbst 2015 ins Rampenlicht gestolpert. "Ich wurde nicht so richtig gefragt, es war mehr ein Muss", kommentierte der frühere Porsche-Chef. Als oberster Krisenmanager musste er die Wunden des Dieselskandals verarzten. Bei der Neuausrichtung des Konzerns war Vollgas-Müller nicht schnell genug.

Inthronisierung der neuen, beinahe allmächtigen Nummer eins: Offensichtlich gut vorbereitet übernahm Herbert Diess vorige Woche das Zepter im Zwölf-Marken-Konzern. Der technikversessene Maschinenbauer ist der personifizierte Gegenentwurf zum launigen, lifestyleorientierten Müller. Akribisch wie die Vorgänger Piëch und Winterkorn, aber nicht so konservativ - Diess hat den lethargischen Platzhirsch VW ("Wir kommen mit Neuerungen lieber spät, aber richtig") in nicht einmal drei Jahren unter Strom gesetzt.

Mehr Macht geht nicht

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Dagegen fremdelte der Informatiker Müller anfangs mit Zukunftsthemen wie der Massenelektrifizierung, dem autonomen Fahren und Mobilitätsdiensten. Ganz anders Diess: Der 59-Jährige hat Schlüsselressorts für die Zukunft wie die Konzernentwicklung und -Forschung sowie die Leitung der Fahrzeug-IT seiner direkten Verantwortung unterstellt.

"Es geht darum, nach der Dieselkrise bei Innovationen wieder auf Angriff zu schalten", machte der Österreicher Diess am zweiten Tag als Konzernboss klar. Im Visier stehen vor allem die renditestarken Premiummarken BMW und Mercedes: "Wir wollen die Führungsfrage in diesem Segment stellen", so Diess mit unterkühlter Sachlichkeit.

Konsequentes Durchregieren in der Dieselkrise

Der frühere Entwicklungsvorstand von BMW hat noch eine Rechnung mit den Ex-Kollegen offen. Ende 2014 zog er gegenüber Harald Krüger, 52, den Kürzeren, als es um den Vorstandsvorsitz der BMW Group ging. Am Tag, als die Nachfolgeregelung verkündet wurde, gab Diess seinen Vorstandsposten in München auf. Wenig später folgte er dem Ruf von Ferdinand Piëch nach Wolfsburg.

Mitten in der existenziellen Dieselkrise konnte Diess als VW-Markenchef konsequenter durchregieren als bei den selbstgefälligen Münchnern. Er holte Christian Senger als Baureihenleiter nach Wolfsburg und entwarf mit ihm den völlig neuen Modularen Elektrobaukasten (MEB). Senger hatte 2010 die Konzepte für den BMW i3 und i8 federführend entwickelt - ein teures Lehrstück, wie alternative Massenmobilität nicht funktioniert.