Kleinwagen im Fahrbericht Ein aufgeweckter Kleinwagen, der neue Seat Ibiza

Der Einstiegspreis des neuen Seat Ibiza liegt bei 14 240 Euro. Damit ist er deutlich teurer als bisher.

(Foto: Seat)

Doch der Test zeigt: Den Fahrspaß erkauft er sich mit Mängeln beim Fahrkomfort. Außerdem ist der Bruder des VW Polo teuer geworden.

Von Georg Kacher

Er galt lange als graue Maus mit schwarzem Hartplastik-Interieur. Doch die fünfte Generation des Seat Ibiza ist schon stilistisch ein großer Wurf. Fast zehn Zentimeter mehr Radstand und neun Zentimeter mehr Breite machen aus dem Verzichts- ein Vollwert-Auto. Technische Basis ist - wie beim nächsten Polo und Audi A1 - der modulare Querbaukasten MQB, der nach Meinung der amtierenden Konzernherren viel zu gut und damit zu teuer geraten ist.

Marken-Boss Luca de Meo führt die ewig kränkelnde Problemmarke seit November 2015 auf die Erfolgsspur. Die Spanier haben sich die Entwicklungshoheit über die nächste Kleinwagenfamilie (Up!, Citigo, Mii) gesichert, und sie fertigen zu günstigen Lohnkosten nicht nur Ibiza und Arona, sondern demnächst auch A1, Polo und den VW T-Cross SUV. Der Ex-Audi-Vorstand de Meo weiß, dass seine Autos vor allem jungen Leuten gefallen müssen. "Digitalisierung ist Trumpf," sagt der Italiener und verweist auf die von Smartphone-Junkies geschätzte, im Ibiza erstmals verfügbare Kombination aus Apple Car Play, Android Auto und Mirrorlink. "Doch genauso wichtig sind gutes Design, Top-Qualität und zeitgemäße Technik - zu bezahlbaren Preisen."

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Echte Schnäppchen sehen allerdings anders aus. Die Einstiegsvariante mit dem 55 kW (75 PS) starken Dreizylinder kostet 14 240 Euro, der 1.0 TSI mit 85 kW (115 PS) steht als besser ausgestatteter Style mit 18 090 Euro in der Liste. Das ist deutlich mehr als bisher, dafür sind unter anderem vier Türen und Klimaanlage Serie. Eine neue Welt beim Infotainment verkörpert der größere 8-Zoll-Bildschirm mit diversen Touch-, Wisch- und Zoomfunktionen. Herausragend in dieser Klasse sind auch Assistenzsysteme wie der Staupilot und der adaptive Tempomat.

Dank des längeren Radstands ist in Reihe zwei jetzt fast genauso viel Platz wie im Golf. Der um 63 Liter auf 355 Liter gewachsene Kofferraum schlägt den Konkurrenten aus Wolfsburg sogar um 80 Liter. In Bezug auf Materialqualität und Verarbeitung hat Seat von Audi gelernt. Der Testwagen ist mit Leder-Alcantara-Mix, weichen Kunststoffen und pianoschwarzen Blenden weit gediegener ausstaffiert als die meisten seiner Mitbewerber.

Die Soundanlage stammt vom Kultlabel Beatsaudio

Obwohl sich schon der Dreizylinder mit sonorem Timbre zu Wort meldet, bietet Seat im Ibiza erstmals ein Soundsystem des Kultlabels Beatsaudio an, das für relativ wenig Geld groß aufspielt. Innen gibt zwar weiterhin nüchternes Schwarz den Ton an, aber man kann sich in Form von Nähten und Applikationen durchaus ein paar Farbtupfer ins Auto holen. Punkte bei der Connectivity-Fraktion sammeln drei Media-Schnittstellen und eine induktive Ladeschale fürs Handy. Das Bedienkonzept ist mit Multifunktionslenkrad und Touchscreen auf der Höhe der Zeit. Vier klassische Drehregler für die schnelle Regelung von Lautstärke, Temperatur und anderem sind trotzdem nicht verkehrt.

Los geht's - Tür fernentriegeln, Sitz und Lenkrad einstellen und den Startknopf drücken. Wir fahren den Ibiza 1.5 TSI evo, der erst zum Jahresende auf den Markt kommt. Noch ist das Top-Modell nicht eingepreist, die anderen Daten stehen aber schon fest: Der neu entwickelte Vierzylinder mit 110 kW (150 PS) beschleunigt den Ibiza in 7,5 Sekunden von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde, erreicht 215 Kilometer pro Stunde und verbraucht im Schnitt 4,8 Liter auf 100 Kilometer. Der nur halb so starke Vorgänger war keinen Tropfen sparsamer.

Die Fahrdynamik ist besser als der Fahrkomfort

Der Trend zur Leistung hat aber auch Schattenseiten: Im FR-Sporttrim gibt der neue Ibiza den Überholspur-Bösewicht. Querfugen wegbügeln, kurze Wellen schlucken und bei langsamer Fahrt leise und geschmeidig abrollen ist zumindest mit breiten 18-Zoll-Gummis nicht seine Stärke.

Dafür lenkt das Sportmodell gierig ein, hält sauber die Spur, verzögert mit Verve, gibt sich richtungsstabil und ist nahezu frei von tückischen Lastwechseln oder nervigen Antriebseinflüssen in der Lenkung. Auch dieser Seat bietet Fahrspaß pur, ist agil und ausbalanciert, funktioniert als Kurvenräuber und als City-Flitzer.

Fazit: So aufgeweckt, zugänglich und solide wie der neue Ibiza ist derzeit kein anderer Kleinwagen. Klar, der neue Polo wird aufholen und mag in manchen Disziplinen vorbeiziehen. Doch Emotion und Zeitgeist kann der Seat besser, günstiger und stilsicherer.

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