50 Jahre Schwalbe Blechvogel mit dreieinhalb PS

Mitarbeiter Horst Sosnowski poliert eine Simson Schwalbe des Fahrzeugmuseums in Suhl.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Die Schwalbe aus Suhl war einst das Moped des Sozialismus. Produziert wird sie schon lange nicht mehr, aber ihre Fans bewahren ihr Erbe - und feiern das Jubiläum mit einer großen Party.

Von Steffen Uhlmann, Suhl

Man hat ihr viele Namen gegeben: Nonnenhocker, Zwiebelsäge, Pferd in Ritterrüstung. Häme war meist dabei, wenn es um die Antwort des Sozialismus auf die schier übermächtige Moped-Konkurrenz der kapitalistischen Welt ging. Dabei hat die Schwalbe, die laut Betriebsanleitung ein "zweisitziger Roller mit Spritzschutz" ist, längst ihre Wettbewerbsfähigkeit bewiesen. Bis heute. Zwar wird der Roller mit dem Vogelnamen gar nicht mehr gebaut, doch eine hartgesottene Fangemeinde aus Ost - und mittlerweile auch aus West - schwört auf die Schwalbe und das nun schon seit 50 Jahren.

Schnell und zuverlässig sei das skurrile Gefährt, sagt etwa Hans aus Bremen, der seiner Schwalbe schon mehr als ein Jahrzehnt die Treue hält und sie "TRX Kampfpanzer" getauft hat. "Man muss drüberstehen", sagt er zu den vielen Lästereien über den DDR-Roller. Und fügt dann trotzig hinzu: "Wer schick sein will, der sollte auf sie verzichten."

Liebhaberstück für junge Leute

Die Fans verzichten nicht. Mehr als 50 Schwalbe-Klubs gibt es inzwischen im ganzen Land, gerade junge Leute haben das Moped zu ihrem Liebhaberstück erkoren. Die Schwalbe mit ihrem gebläsegekühlten Einzylinder-Zweitaktmotor ist für sie mehr als nur ein Fortbewegungsmittel, sie ist ein Image, eine Selbstinszenierung, für manche gar ein Lebensgefühl. Zu besichtigen ist das wieder Anfang Juli im thüringischen Geburtsnest der Schwalbe: Suhl. Am 5. und 6. Juli wird dort der 50. Ehrentag gefeiert. Mindestens 1000 Roller und ein paar Tausend Geburtstagsgäste werden erwartet.

Erhard Werner freut sich darauf. Der inzwischen 81-jährige Thüringer war einst Chefkonstrukteur bei Simson, dem nach dem Zweiten Weltkrieg volkseigenen Suhler Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk. Er hat dort mit seinem Team in Sachen Zweirad-Fahrzeuge eine ganze Vogelfamilie "ausgebrütet". Mit der Schwalbe fing es 1964 an, danach folgten noch Spatz, Sperber und Habicht.

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Doch keines der Krafträder war so erfolgreich wie die Schwalbe. Das über dreieinhalb PS starke Alltagsgefährt, das Krankenschwestern, Abschnittsbevollmächtigten der Polizei (ABV), Bäuerinnen, Schülern oder Studenten gleichermaßen das Fortkommen über glatte und holprige Straßen erleichterte, wurde zu DDR-Zeiten fast 1,2 Millionen Mal gebaut. Ein Teil davon ging in den Export. Darauf ist Werner noch heute stolz. Schließlich wurden seine Simson-Vögel nicht nur gen Osten, sondern auch nach Frankreich oder Schweden verkauft.

Kein Nachwuchs für die Schwalbe

1991 war Schluss damit, das Werk zu marode, die Mopeds waren nicht konkurrenzfähig - für die Treuhandanstalt stand fest, dass der Zweiradbereich keine Zukunft in der Marktwirtschaft mehr hat. Allenfalls die Jagd- und Sportwaffen-Abteilung könne weitergeführt werden, hieß es damals. Erhard Werner, damals 57 Jahre alt, wurde entlassen. Mit ihm die 3500 Beschäftigten, die das Suhler Werk Anfang der Neunzigerjahre noch hatte. Doch auch die Privatisierung der Büchsenmacher schlug fehl. Zwar wollten die Erben von Moses Simson, der das Suhler Werk in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet hatte, die alte Waffenschmiede mit neuem Glanz versehen. Doch die Verantwortlichen der Treuhand vertrauten dem Konzept nicht und gaben den Zuschlag 1991 lieber einem Finanzinvestor. Der aber warf schon ein Jahr nach der Privatisierung das Handtuch.

Ein Elektroroller sollte der legitime Nachfolger der Schwalbe werden. Leider gibt es bislang nicht mehr als einen Prototypen.

(Foto: dpa-tmn)

Seit dieser Zeit verharren das Werksgelände in Suhl-Heinrichs und die halbe Stadt im Dämmerzustand, denn auch etliche Versuche, die Produktion wiederzubeleben, schlugen fehl. Der letzte Versuch wohl erst unlängst. Zwei junge Ingenieure hatten seit 2010 versucht, die Schwalbe als Retro-Stromroller wieder auf den Markt zu bringen. Doch mehr als einen Prototyp gibt es bis heute nicht. So bleibt die alte Schwalbe bislang ohne Nachwuchs - und doch sehr munter.