Fahrradprotestbewegung Critical Mass Verständnis seitens der Polizei

Den Protestierenden ist durchaus bewusst, dass sie den Paragrafen 27 sehr stark zu ihren Gunsten auslegen, sobald sie zu Tausenden unterwegs sind. Dann blockieren ein Dutzend Radler drei Fahrspuren und geht an einer Straßenkreuzung für viele Minuten gar nichts mehr, bis sie auch der letzte im Pulk passiert hat. Dennoch ist es den Teilnehmern wichtig, als Teil des Verkehrs zu gelten und nicht als diejenigen, die ihn zum Erliegen bringen. Sie legen Wert darauf, dass sich alle Teilnehmer an die Verkehrsregeln halten und den sieben simple Regeln umfassenden Verhaltenskodex einhalten.

Diese lauten zum Beispiel "Sei freundlich zu nervösen Autofahrern" oder "Versuche, "Team Blau" nicht zu provozieren." Die Anhänger der Critical Mass sind sich des Konfliktpotenzials ihrer Aktionen also bewusst - genau wie die Polizei. Anders als in anderen Städten, wo die Polizei bereits Fahrradkorsos stoppte und deren Teilnehmer kontrollierte, versucht das Hamburger "Team Blau", sich mit den Radlern zu arrangieren und alle Beteiligten vor sich selbst zu schützen: "Wichtig ist für uns, dass die Veranstaltung reibungslos abläuft", sagt Holger Vehren, Sprecher der Hamburger Polizei. "Wir begleiten die Radfahrer und versuchen, dafür zu sorgen, dass keine Verkehrsunfälle passieren." Auch die Protestierenden können den Einsätzen der Hamburger Ordnungshüter inzwischen Positives abgewinnen. "Sie gehen gut auf uns ein, versuchen Vorschläge umzusetzen und achten darauf, uns nicht mehr zu stören. Zum Beispiel setzen sie immer seltener Sirenen ein", sagt einer, der bei fast jeder Critical Mass dabei ist.

Jeden letzten Freitag im Monat versammeln treffen sich in Hamburg Radfahrer zur Critical Mass.

(Foto: criticalmass-hh.de)

Kritische Töne vom ADFC

Trotz Polizeieskorte kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Natürlich gibt es Stürze, die bleiben bei so vielen Teilnehmern nicht aus. Hin und wieder werden auch aufgestaute Aggressionen ausgelebt. Teilnehmer berichten von Fußgängern, die Radler von ihren Bikes schubsen, weil sie für einige Minuten nicht bei grüner Ampel die Straße überqueren konnten. Über die Internetseite der Critical Mass habe es auch schon Morddrohungen gegeben. Aber grundsätzlich beobachten die Radler einen Stimmungsumschwung bei den Autofahrern, die anfangs gar nicht begeistert waren, als die Bewegung an Größe gewonnen hat. Inzwischen äußern deutlich mehr Autofahrer Verständnis für den Protest und erfreuen sich an dem Ereignis, das dank geschmückter Räder, witziger Kostüme oder erstaunlich großer Musikboxen auch optisch und akustisch für Aufsehen sorgt.

Beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ADFC ist man sich jedoch nicht ganz einig, wie man mit der Critical Mass umgehen soll. "Wir finden diese Bewegung toll", sagt Dirk Lau, stellvertretender Vorsitzender des ADFC Hamburg. "Es ist begeisternd, wie viele Leute bei diesen Veranstaltungen inzwischen zusammenkommen." Man kündige die Aktionen an, berichte darüber und versuche, die Dynamik des Protestes für seine Lobbyarbeit zu nutzen. Beim ADFC-Bundesverband sieht man die Protestbewegung kritischer: "Wir halten Aktionen, die Autofahrer gegen Radfahrer aufbringen, nicht für den richtigen Weg", sagt eine Sprecherin.

Viele Teilnehmer, unterschiedliche Ziele

Auch innerhalb des Fahrerfeldes verfolgt nicht jeder die gleichen Ziele. Für viele Teilnehmer zählt eher der Eventcharakter. Sie haben Spaß daran, mit Tausenden anderen Radlern durch Hamburg zu fahren, ihr teures oder extravagantes Bike zur Schau zu stellen oder auf Strecken unterwegs zu sein, die sonst für sie tabu sind. Zudem nutzen notorische Störenfriede die Touren, um für Aufruhr zu sorgen. "Es gibt immer ein oder zwei Teilnehmer, die negativ auffallen, die Unfälle provozieren oder herum pöbeln", sagt ein Kenner. "Da ist die Critical Mass gefragt, die Leute zurechtzuweisen."

Innerhalb des Protest-Korsos scheint es also einen funktionierenden Selbstreinigungsprozess zu geben. Aber funktioniert der auch noch, wenn sich irgendwann einmal 10 000 oder noch mehr Protestierende zusammen auf Tour begeben? Ist für die Critical Mass irgendwann eine kritische Masse erreicht? Innerhalb der Bewegung vertraut man auf das funktionierende System, und auch die Polizei glaubt, mit entsprechend aufgestockten Kräften die Ströme kontrollieren zu können.

Es ist dieser Grad der Entspannung und des gegenseitigen Verständnisses, der im täglichen Straßenkampf zwischen Auto- und Fahrradfahrern fehlt. Dabei könnte es so einfach sein. Ein kurzer Blick in die StVO genügt, um zu wissen: Die Straßen sind für beide da.