Süddeutsche Zeitung

Fahrradprotestbewegung Critical Mass:Vom schwierigen Werben um Verständnis

In kaum einer anderen deutschen Stadt sind die Bedingungen für Radfahrer so schlecht wie in Hamburg. Dort hat sich eine der größten Protestbewegungen Europas formiert. Einblicke in die Critical Mass.

Autofahrer und Radfahrer: Wenn diese beiden Gruppen im Straßenverkehr aufeinandertreffen, birgt das zuweilen Zündstoff. Die einen fordern die Straßen für sich, die anderen ihr Recht, sich ebenfalls darauf bewegen zu dürfen. Oft kommt es dabei zu Reibereien, manchmal zu gefährlichen Situationen und immer wieder zu vermeidbaren Unfällen.

Ein gut ausgebautes Radwegnetz könnte die Situation entspannen. Autos auf der Straße, Radfahrer auf dem Radweg, alle sind zufrieden. Doch in vielen deutschen Städten mangelt es genau daran. Besonders groß sind die Missstände in Hamburg. Laut einer Studie des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC gehört die Hansestadt zur den fahrradunfreundlichsten Städten Deutschlands. Einheimische Radfahrer berichten von Radwegen in schlechtem Zustand, die oft im Nichts enden und mit Schlaglöchern und durch den Asphalt brechenden Baumwurzeln übersät sind. Die zudem im Herbst nicht von Laub und im Winter nicht vom Schnee befreit werden. Und von Autos zugeparkt oder von Mülltonnen blockiert werden.

Aus ein paar Dutzend sind ein paar Tausend geworden

Das alles wäre leichter zu ertragen, könnten die Radler problemlos die Straßen benutzen. Doch auch hier fühlen sie sich benachteiligt. Um ihrem Unmut Luft zu machen, haben Hamburger Radfahrer eine ganz besondere Form des Protests auserkoren: die Critical Mass. Ursprünglich 1992 in San Francisco entstanden, hat das Phänomen des Protest-Korsos eine Weile gebraucht, um den Rest der Welt zu erreichen. Inzwischen finden diesseits des Atlantiks einige der größten Aktionen statt. In Budapest haben 2008 rund 80 000 Radfahrer teilgenommen und damit bislang die weltweit größte kritische Masse gebildet. Um die Teilnehmer zusammenzutrommeln, hilft das Internet, speziell die sozialen Netzwerke. Der Treffpunkt wird wenige Stunden vor dem Start per Facebook bekanntgegeben, den Rest erledigen das weltweite Netz und Mundpropaganda.

Hamburg reklamiert für sich, einen von Europas größten regelmäßig stattfindenden Fahrradkorsos auszurichten. Wie auch in anderen deutschen Städten, wo der Protest aber noch nicht so recht in Schwung kommt, setzt sich am Abend des letzten Freitags eines jeden Monats die Gruppe in Bewegung. Aus ein bis zwei Dutzend Radlern in den Anfangstagen der Critical Mass Hamburg im Frühjahr 2000 sind bei einigen Touren längst etwa 3000 geworden - Tendenz steigend. "Wir denken, dass es in diesem Jahr noch Touren mit mindestens 5000 Teilnehmern geben wird", sagt einer, der die Szene gut kennt.

Ein flexibler Schwarm

Als Organisator oder gar Initiator will sich keiner der Beteiligten bezeichnen. Aus gutem Grund, diejenigen könnten haftbar gemacht werden, falls Unfälle passieren oder es zu anderen Zwischenfällen kommt. Zudem soll die Critical Mass nicht als Demonstration angesehen werden, denn die bräuchte einen festen Start- und Zielpunkt und es müssten zahlreiche weitere Auflagen erfüllt werden. Stattdessen wollen die Radler einfach fahren, sich ihre Route, die von der Spitze des Feldes vorgegeben wird, spontan aussuchen. Der Critical Mass ist es wichtig, flexibel zu sein und schnell reagieren zu können. Kurzerhand abbiegen, wenn die Straße geradeaus versperrt ist? Kein Problem, denn wenn die Masse geschlossen folgt, lässt sie sich kaum kontrollieren.

Die rechtliche Grundlage dafür liefert Paragraf 27 der STVO. Schließen sich mindestens 16 Radler zu einer Gruppe zusammen, gelten sie als geschlossener Verband - und damit als ein einziger Verkehrsteilnehmer. Als geschlossener Verband dürfen sie nicht nur zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren, sondern den anderen Teilnehmern auch noch dann folgen, wenn eine Ampel längst von Grün auf Rot gesprungen ist.

Verständnis seitens der Polizei

Den Protestierenden ist durchaus bewusst, dass sie den Paragrafen 27 sehr stark zu ihren Gunsten auslegen, sobald sie zu Tausenden unterwegs sind. Dann blockieren ein Dutzend Radler drei Fahrspuren und geht an einer Straßenkreuzung für viele Minuten gar nichts mehr, bis sie auch der letzte im Pulk passiert hat. Dennoch ist es den Teilnehmern wichtig, als Teil des Verkehrs zu gelten und nicht als diejenigen, die ihn zum Erliegen bringen. Sie legen Wert darauf, dass sich alle Teilnehmer an die Verkehrsregeln halten und den sieben simple Regeln umfassenden Verhaltenskodex einhalten.

Diese lauten zum Beispiel "Sei freundlich zu nervösen Autofahrern" oder "Versuche, "Team Blau" nicht zu provozieren." Die Anhänger der Critical Mass sind sich des Konfliktpotenzials ihrer Aktionen also bewusst - genau wie die Polizei. Anders als in anderen Städten, wo die Polizei bereits Fahrradkorsos stoppte und deren Teilnehmer kontrollierte, versucht das Hamburger "Team Blau", sich mit den Radlern zu arrangieren und alle Beteiligten vor sich selbst zu schützen: "Wichtig ist für uns, dass die Veranstaltung reibungslos abläuft", sagt Holger Vehren, Sprecher der Hamburger Polizei. "Wir begleiten die Radfahrer und versuchen, dafür zu sorgen, dass keine Verkehrsunfälle passieren." Auch die Protestierenden können den Einsätzen der Hamburger Ordnungshüter inzwischen Positives abgewinnen. "Sie gehen gut auf uns ein, versuchen Vorschläge umzusetzen und achten darauf, uns nicht mehr zu stören. Zum Beispiel setzen sie immer seltener Sirenen ein", sagt einer, der bei fast jeder Critical Mass dabei ist.

Kritische Töne vom ADFC

Trotz Polizeieskorte kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Natürlich gibt es Stürze, die bleiben bei so vielen Teilnehmern nicht aus. Hin und wieder werden auch aufgestaute Aggressionen ausgelebt. Teilnehmer berichten von Fußgängern, die Radler von ihren Bikes schubsen, weil sie für einige Minuten nicht bei grüner Ampel die Straße überqueren konnten. Über die Internetseite der Critical Mass habe es auch schon Morddrohungen gegeben. Aber grundsätzlich beobachten die Radler einen Stimmungsumschwung bei den Autofahrern, die anfangs gar nicht begeistert waren, als die Bewegung an Größe gewonnen hat. Inzwischen äußern deutlich mehr Autofahrer Verständnis für den Protest und erfreuen sich an dem Ereignis, das dank geschmückter Räder, witziger Kostüme oder erstaunlich großer Musikboxen auch optisch und akustisch für Aufsehen sorgt.

Beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ADFC ist man sich jedoch nicht ganz einig, wie man mit der Critical Mass umgehen soll. "Wir finden diese Bewegung toll", sagt Dirk Lau, stellvertretender Vorsitzender des ADFC Hamburg. "Es ist begeisternd, wie viele Leute bei diesen Veranstaltungen inzwischen zusammenkommen." Man kündige die Aktionen an, berichte darüber und versuche, die Dynamik des Protestes für seine Lobbyarbeit zu nutzen. Beim ADFC-Bundesverband sieht man die Protestbewegung kritischer: "Wir halten Aktionen, die Autofahrer gegen Radfahrer aufbringen, nicht für den richtigen Weg", sagt eine Sprecherin.

Viele Teilnehmer, unterschiedliche Ziele

Auch innerhalb des Fahrerfeldes verfolgt nicht jeder die gleichen Ziele. Für viele Teilnehmer zählt eher der Eventcharakter. Sie haben Spaß daran, mit Tausenden anderen Radlern durch Hamburg zu fahren, ihr teures oder extravagantes Bike zur Schau zu stellen oder auf Strecken unterwegs zu sein, die sonst für sie tabu sind. Zudem nutzen notorische Störenfriede die Touren, um für Aufruhr zu sorgen. "Es gibt immer ein oder zwei Teilnehmer, die negativ auffallen, die Unfälle provozieren oder herum pöbeln", sagt ein Kenner. "Da ist die Critical Mass gefragt, die Leute zurechtzuweisen."

Innerhalb des Protest-Korsos scheint es also einen funktionierenden Selbstreinigungsprozess zu geben. Aber funktioniert der auch noch, wenn sich irgendwann einmal 10 000 oder noch mehr Protestierende zusammen auf Tour begeben? Ist für die Critical Mass irgendwann eine kritische Masse erreicht? Innerhalb der Bewegung vertraut man auf das funktionierende System, und auch die Polizei glaubt, mit entsprechend aufgestockten Kräften die Ströme kontrollieren zu können.

Es ist dieser Grad der Entspannung und des gegenseitigen Verständnisses, der im täglichen Straßenkampf zwischen Auto- und Fahrradfahrern fehlt. Dabei könnte es so einfach sein. Ein kurzer Blick in die StVO genügt, um zu wissen: Die Straßen sind für beide da.

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