Fahrradprotestbewegung Critical Mass Vom schwierigen Werben um Verständnis

Die Critical-Mass-Bewegung entstand in den USA und ist mittlerweile auch in Europa erfolgreich. In Deutschland ist Hamburg Vorreiter.

(Foto: criticalmass-hh.de)

In kaum einer anderen deutschen Stadt sind die Bedingungen für Radfahrer so schlecht wie in Hamburg. Dort hat sich eine der größten Protestbewegungen Europas formiert - die Critical Mass. Allerdings verfolgt nicht jeder der Radler die gleichen Ziele.

Von Thomas Harloff

Autofahrer und Radfahrer: Wenn diese beiden Gruppen im Straßenverkehr aufeinandertreffen, birgt das zuweilen Zündstoff. Die einen fordern die Straßen für sich, die anderen ihr Recht, sich ebenfalls darauf bewegen zu dürfen. Oft kommt es dabei zu Reibereien, manchmal zu gefährlichen Situationen und immer wieder zu vermeidbaren Unfällen.

Ein gut ausgebautes Radwegnetz könnte die Situation entspannen. Autos auf der Straße, Radfahrer auf dem Radweg, alle sind zufrieden. Doch in vielen deutschen Städten mangelt es genau daran. Besonders groß sind die Missstände in Hamburg. Laut einer Studie des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC gehört die Hansestadt zur den fahrradunfreundlichsten Städten Deutschlands. Einheimische Radfahrer berichten von Radwegen in schlechtem Zustand, die oft im Nichts enden und mit Schlaglöchern und durch den Asphalt brechenden Baumwurzeln übersät sind. Die zudem im Herbst nicht von Laub und im Winter nicht vom Schnee befreit werden. Und von Autos zugeparkt oder von Mülltonnen blockiert werden.

Aus ein paar Dutzend sind ein paar Tausend geworden

Das alles wäre leichter zu ertragen, könnten die Radler problemlos die Straßen benutzen. Doch auch hier fühlen sie sich benachteiligt. Um ihrem Unmut Luft zu machen, haben Hamburger Radfahrer eine ganz besondere Form des Protests auserkoren: die Critical Mass. Ursprünglich 1992 in San Francisco entstanden, hat das Phänomen des Protest-Korsos eine Weile gebraucht, um den Rest der Welt zu erreichen. Inzwischen finden diesseits des Atlantiks einige der größten Aktionen statt. In Budapest haben 2008 rund 80 000 Radfahrer teilgenommen und damit bislang die weltweit größte kritische Masse gebildet. Um die Teilnehmer zusammenzutrommeln, hilft das Internet, speziell die sozialen Netzwerke. Der Treffpunkt wird wenige Stunden vor dem Start per Facebook bekanntgegeben, den Rest erledigen das weltweite Netz und Mundpropaganda.

Dieses E-Bike ist so teuer wie ein Auto

mehr... Bilder

Hamburg reklamiert für sich, einen von Europas größten regelmäßig stattfindenden Fahrradkorsos auszurichten. Wie auch in anderen deutschen Städten, wo der Protest aber noch nicht so recht in Schwung kommt, setzt sich am Abend des letzten Freitags eines jeden Monats die Gruppe in Bewegung. Aus ein bis zwei Dutzend Radlern in den Anfangstagen der Critical Mass Hamburg im Frühjahr 2000 sind bei einigen Touren längst etwa 3000 geworden - Tendenz steigend. "Wir denken, dass es in diesem Jahr noch Touren mit mindestens 5000 Teilnehmern geben wird", sagt einer, der die Szene gut kennt.

Ein flexibler Schwarm

Als Organisator oder gar Initiator will sich keiner der Beteiligten bezeichnen. Aus gutem Grund, diejenigen könnten haftbar gemacht werden, falls Unfälle passieren oder es zu anderen Zwischenfällen kommt. Zudem soll die Critical Mass nicht als Demonstration angesehen werden, denn die bräuchte einen festen Start- und Zielpunkt und es müssten zahlreiche weitere Auflagen erfüllt werden. Stattdessen wollen die Radler einfach fahren, sich ihre Route, die von der Spitze des Feldes vorgegeben wird, spontan aussuchen. Der Critical Mass ist es wichtig, flexibel zu sein und schnell reagieren zu können. Kurzerhand abbiegen, wenn die Straße geradeaus versperrt ist? Kein Problem, denn wenn die Masse geschlossen folgt, lässt sie sich kaum kontrollieren.

Die rechtliche Grundlage dafür liefert Paragraf 27 der STVO. Schließen sich mindestens 16 Radler zu einer Gruppe zusammen, gelten sie als geschlossener Verband - und damit als ein einziger Verkehrsteilnehmer. Als geschlossener Verband dürfen sie nicht nur zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren, sondern den anderen Teilnehmern auch noch dann folgen, wenn eine Ampel längst von Grün auf Rot gesprungen ist.