Canyon Grail im Test Fahrrad mit Hirschgeweih

Der ungewöhnliche Lenker des Canyon Grail wird unter ambitionierten Radfahrern heiß diskutiert.

(Foto: Canyon)

Das Gravel Bike hat einen Lenker, der fast zu schweben scheint und besser federn soll. Doch in Wahrheit ist es wie im Tierreich: Er dient vor allem der Show.

Von Sebastian Herrmann

Es wäre interessant, mal einen Hirsch zu befragen und das Tier um Auskunft darüber zu bitten, wie funktional eigentlich so ein Geweih ist. Geht natürlich nicht - aber die Wissenschaft hat trotzdem ein paar Antworten parat. Richtig praktisch ist das ausladende Gestänge auf dem Kopf eher nicht, schließlich kostet es enormen Energieaufwand, das Hörnergewirr wachsen zu lassen und durch die Gegend zu tragen. Im Kampf mit Rivalen ist es auch eher zweitrangig, ob das Geweih über zehn oder zwölf Enden verfügt. Stattdessen dient das Gestänge primär dazu, auf potenzielle Partnerinnen Eindruck zu machen: Seht her, liebe Hirschkühe, ich bin so stark, dass ich sogar ein monströs großes Geweih durch den dichten Wald tragen kann. Und was soll man sagen: Es klappt.

Anders als ein Hirsch lassen sich die Entwickler des Canyon Grail sehr wohl befragen - etwa dazu, welche Idee hinter dem extrem auffälligen und ungewöhnlichen Lenker steckt, mit dem die Ingenieure aus Koblenz ihr neues Gravelbike versehen haben. Bei der Entwicklung, so die erwartbare Antwort, habe nur die Funktionalität im Vordergrund gestanden. Mag sein, doch zunächst ist der doppelstöckige Lenker - wie ein Geweih - ein absoluter Hingucker, weil er absolut ungewöhnlich aussieht.

Das Canyon Grail ist ab einem Preis von 2199 Euro zu haben. Es kann aber je nach Ausstattung auch das Doppelte kosten.

(Foto: Canyon)

Der Lenker besteht aus zwei Querholmen, von denen der untere der Konstruktion Halt gibt. Der Vorbau des Grail führt in einer Ebene aus dem Oberrohr des Rahmens heraus. Der glatte Übergang wirkt ästhetisch, jedoch lassen sich am Steuersatz keine Spacer anbringen, falls die Lenkerhöhe angepasst werden sollte. Der untere Holm des Canyon CP01 Cockpit CF, so die technische Bezeichnung des Cockpits, führt seitlich in die Bögen beziehungsweise Drops des Rennlenkers. Wer in Unterlenkerposition fährt, also tief gebeugt über den Lenker, der kann mit seinem Daumen um den Holm herumgreifen. Das muss nicht jeder mögen, verleiht aber das Gefühl zusätzlicher Kontrolle.

Kern des Cockpit-Konzepts ist jedoch der sogenannte Hoverbar: der zweite Holm, der vom Steuersatz entkoppelt ist. Mittig ist dieser Teil des Karbonlenkers geplättet, wie ein Rohr, das ein Schmied platt gedengelt hat. Das soll für Fahrkomfort sorgen, so die Idee, da dieser Holm Stöße abfedert beziehungsweise leicht flext, wie das gerne genannt wird. Auf Schotterwegen, für die Gravelbikes ja konzipiert sind, federe das obere Lenkerrohr Stöße wesentlich weg, so das Versprechen.

Besonders deutlich spürbar ist das jedoch nicht, anders als bei mechanischen Federelementen, die andere Hersteller etwa am Vorbau anbringen. Die Griffposition am Oberlenker fährt sich zwar sehr angenehm, aber besondere Flexibilität fällt nicht auf. Bei Fahrten in ruppigem Gelände befinden sich die Hände sowieso an den Bremsschaltgriffen, um über mehr Kontrolle zu verfügen, und für diese Lenkerregion versprechen die Ingenieure bei Canyon höchste Steifigkeit, da flext nichts. Wird es ruppig, sind die versprochenen Vorteile des Hooverbars also irrelevant, weil die Hände ohnehin anderswo greifen.

Der Lenker des Grail wirkt vor allem als Hingucker. An Ampeln steht der Fahrer im Zentrum der Aufmerksamkeit, und entgegenkommende Radler werfen einem konsternierte Blicke zu. "Bin dir vorhin hinterhergefahren", kommentiert etwa ein Unbekannter, nachdem man ein Foto des Grail bei Instagram hochgeladen hat.