Autos für Senioren Die Alten bestimmen die Neuen

Senioren sind begehrte Kunden. Die Automobilindustrie hat ihre größten Abnehmer längst identifiziert - und richtet ihre Produkte konsequent nach deren Bedürfnissen aus. Doch sie würde ihren besten Kunden niemals sagen, sie seien alt.

Von Joachim Becker

Die Autowerbung huldigt dem Jugendkult. In Hochglanzanzeigen werden Autofahrer als kunterbuntes Völkchen von Mittdreißigern dargestellt. Die Realität sieht etwas anders aus. 2015 werden mehr als ein Drittel der Autokunden älter als 60 Jahre sein. Die Best Ager geben im Schnitt über 5000 Euro mehr für einen Neuwagen aus als die unter 60-jährigen. Während jüngere Leute ihr Geld erst einmal in coole elektronische Geräte stecken, genießen ihre Eltern und Großeltern die individuelle Mobilität und das damit verbundene PS-Prestige.

Tests für die Best Ager: Mit dem Aging-Anzug aus dem Ergonomie-Versuchslabor von BMW fällt das Ein- und Aussteigen aus dem Auto auch Jüngeren so schwer wie einem Achtzigjährigen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Glaubt man dem ADAC, ignorieren die Hersteller die Bedürfnisse dieser Kunden, neue Fahrzeuge seien seniorenunfreundlicher denn je. "Das Ein- und Aussteigen ist nur mit Verrenkungen möglich und beim Rangieren sieht man nicht mehr vernünftig nach hinten raus. Design- und Aerodynamik-Vorgaben verhindern oftmals optimale Lösungen", kritisierte der Verkehrsclub schon vor Jahren nach einem Test von 28 Pkw-Modellreihen. Auch Stefan Reindl schlägt Alarm: "Zumindest Senioren ab 66 gelten als unbedeutende Autokunden", weiß der Professor für Automobilwirtschaft an der Hochschule Nürtingen nach einer Umfrage unter 14 Automobilherstellern.

Mindestens 60 Zentimeter Sitzhöhe und mehr als 120 Zentimeter Einstiegshöhe - sieht so das seniorenfreundliche Auto aus? Die biologische Perspektive übersieht, dass Altern genau wie Autokaufen eine höchst subjektive Angelegenheit ist; das gefühlte Alter und der Lebensstil sind ausschlaggebend. "Dieses psychische Alter liegt heute zehn bis 15 Jahre unter dem körperlichen", so Volker Nickel, Geschäftsführer der deutschen Werbewirtschaft. Die aktiven 60-Jährigen wollen auf keinen Fall zum alten Eisen gehören. Unter Marketingstrategen gilt daher eine goldene Regel: Immer an das Alter der Kunden denken, nie darüber reden. Deshalb schweigen die Autohersteller so eisern zu dem Thema.

Die Alten bestimmen die Entwicklungen der Autoindustrie

Tatsächlich bestimmen die "Master Consumer" im vorgerückten Alter längst viele Neuentwicklungen in der Automobilindustrie. Sportliche Geländewagen und Crossover-Fahrzeuge mit großer Bodenfreiheit, erhöhter Sitzposition und luftiger Raumhöhe sind die moderne Variante des seniorengerechten Autos. Sie sehen schick aus und bieten allen Komfort - auch bei den Assistenzsystemen. Die elektronische Revolution ist der zweite große Trend, von dem fortgeschrittene Semester profitieren. Der Fahrer denkt, das Auto lenkt - so futuristisch diese Form der Fortbewegung auch wirken mag: Alle führenden Automobilhersteller arbeiten mit Hochdruck an der schrittweisen Einführung des automatisierten Fahrens. Noch in diesem Jahr kommen die ersten Stauassistenten, die bis 60 km/h zentrale Fahraufgaben übernehmen.

Schon seit Jahren strecken Assistenzsysteme ihre Fühler in die Welt aus. Dazu gehören kamerabasierte Spurhaltesysteme, die das Fahrzeug sanft zurück in die Mitte der Straße führen. Einparkassistenten nehmen den Fahrern die Kurbelei in engen Parklücken ab. Auch an der Einfahrt des Parkhauses lässt sich bald Zeit und Mühe sparen - einfach den Parkpiloten aktivieren und aussteigen. Der fahrerlose Wagen wird vom Parkhauszentralrechner automatisch in die nächste Lücke gelotst. Dank neuartiger Radar- und Laserscanner kann der Fahrer bald die Hände immer öfter vom Steuer und die Füße vom Pedal lassen. Nie war Autofahren sicherer und bequemer - für jedes Alter.