Abgasskandal Die Diesel-Abwrackprämie hat mit Umweltschutz nichts zu tun

Auf Deutschlands Straßen fahren Millionen schmutziger Dieselfahrzeuge

(Foto: Getty Images)

VW, BMW und Daimler setzen auf alte Muster: hohe Rabatte für Ladenhüter. Das führt nicht zu besserer Luft, sondern ist ein Zeichen für wachsende Verzweiflung.

Kommentar von Caspar Busse

Auf den ersten Blick sieht das doch sehr attraktiv aus für die Kunden. Sogenannte "Umweltprämien" will der Volkswagen-Konzern jetzt zahlen, wenn jemand einen neuen Wagen kauft und dafür einen alten Diesel stilllegt. Je nach Modell beträgt diese neue Art von Abwrackprämie - diesmal glücklicherweise nicht vom Staat finanziert - zwischen 2000 und 10 000 Euro. Auch anderen Hersteller wie BMW, Daimler, Ford oder Toyota haben schon solche Nachlässe angekündigt, auch wenn die zumeist bislang deutlich niedriger ausfallen.

Auf den zweiten Blick ist das Manöver doch sehr durchsichtig. Es ist klar, dass die Autobauer, allen voran der sehr in Bedrängnis geratene Wolfsburger Konzern mit seinen Marken wie VW, Audi, Porsche und Skoda, mit dem Angebot vor allem ihren Absatz unterstützen und den Dieselmotor retten wollen. Es war schon immer ein probates Mittel, den darbenden Verkauf zu stimulieren, indem man üppige Rabattaktionen auf unattraktive Ware gewährt. Das kann man in jedem Warenhaus bestaunen.

Was bringen die Eintauschprämien der Autohersteller?

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Bei den Autobauern läuft das auch noch unter dem irreführenden Motto "Umweltprämie". Damit wird suggeriert: Hier geht es um den Schutz der Umwelt. Natürlich gibt es damit Anreize, dass die deutschen Autofahrer auf neue und damit sparsamere und umweltfreundlichere Fahrzeuge umsteigen. In Wirklichkeit aber geht es nicht darum, sondern um das Wohl der Autokonzerne. Der Umsatz soll weiter steigen. Kunden, die nach dem Diesel-Skandal um gefälschte Abgaswerte an den Herstellern zweifeln, sollen zu neuen Anschaffungen verleitet werden. Mit Umweltschutz hat das nichts zu tun.

Es ist ziemlich verwunderlich, dass die Autobauer nun plötzlich zu einer solchen Aktion bereit sind, die voraussichtlich viel Geld kosten wird. Erst in der vergangenen Woche haben es dieselben Autobauer auf dem sogenannten Diesel-Gipfel in Berlin rundweg abgelehnt, bereits verkaufte Fahrzeuge technisch nachzurüsten. Begründung: Die Kosten für die technischen Umbauten am Fahrzeug seien zu hoch.

10 000 Euro Rabatt für den überdimensionierten VW Touareg

Stattdessen wurde der Öffentlichkeit als großer Kompromiss verkauft, dass es ein kostenloses Software-Update für rund 5,3 Millionen Diesel-Fahrzeuge geben soll, das zudem keine Auswirkungen auf Verbrauch und Leistungsfähigkeit haben soll (dabei ist für etwa die Hälfte dieser Fahrzeuge eine Nachrüstung ohnehin bereits zwingend). Es darf zu Recht bezweifelt werden, dass das schon ausreicht, um die Luft in den Städten nachhaltig sauberer zu machen und Fahrverbote zu vermeiden. Dabei könnte die Nachrüstung alter Diesel-Pkw, etwa mit der Adblue-Technologie, den Ausstoß von Schadstoffen durchaus sehr deutlich reduzieren.

Die Botschaft der Autokonzerne an die Kunden ist simpel: Wir wollen oder können dein altes Fahrzeug, das wir unter Vorspiegelung falscher Abgaswerte verkauft haben, nicht reparieren. Du kannst aber sehr gerne ein neues bei uns kaufen. Das wäre zum Beispiel auch ein Diesel mit Euro-6-Norm, der die Stickoxid-Grenzwerte aber möglicherweise deutlich überschreitet. Dazu kommt: Je größer das Fahrzeug ist, desto höher ist der Nachlass. Bis zu 10 000 Euro können Käufer beispielsweise bei einem VW Touareg sparen, einem völlig überdimensionierten und hoch motorisierten Geländewagen. Das alles wird der Umwelt jedenfalls nicht helfen, die Luft nicht sauberer machen.

Die alte Strategie: hoher Rabatt für die Ladenhüter

Deutlich fairer wäre es dagegen gewesen, wenn sich die Kunden selbst entscheiden könnten, ob sie ihr vorhandenes Fahrzeug auf Kosten der Hersteller nachrüsten lassen oder dieses gegen ein neues mit Rabatt eintauschen wollen. Klar ist aber auch: Die Rabattaktion kann die Hersteller nicht von ihrer Verantwortung für die bereits ausgelieferten Fahrzeuge entbinden. Technische Nachrüstungen sind damit keineswegs vom Tisch.

Diese Weiter-so-Strategie zeigt auch, dass die deutschen Autobauer, allen voran VW, aus dem Diesel-Skandal und den Folgen nichts gelernt haben. Andere Autobauer, Tesla etwa, gehen neue Wege, machen Elektroautos zu attraktiven und hippen Produkten, um die sich die Kunden reißen. VW, BMW und Daimler geben dagegen hohe Rabatte auf die Ladenhüter. Das ist wohl ein Zeichen für wachsende Verzweiflung.

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